Kategorie-Archiv: Ausgewählte Handschriften

Ein Bibelfragment aus dem Lorscher Skriptorium kehrt an seinen Entstehungsort zurück

Eines der ältesten Zeugnisse des Lorscher Skriptoriums kehrt an seinen Ursprungsort zurück. Am 10. Juli konnten im Auftrag der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen mit Unterstützung der Hessischen Kulturstiftung und der Kulturstiftung der Länder bei einer Sothebyʼs Auktion in London die Reste eines Pergamentdoppelblattes aus einer ehemaligen Lorscher Bibelhandschrift für die UNESCO-Welterbestätte Kloster Lorsch erworben werden.

Das Fragment enthält Kapitel 2,13-4,19 des alttestamentlichen Buches Tobias, auf dem schmalen Reststreifen mit dem inneren Rand der anderen Doppelblatthälfte sind noch die roten Kapitelzählungen eines Inhaltsverzeichnisses, wohl zum Buch Judith, erhalten. Mit einer ursprünglichen Blattgröße von 41 x 28,5 cm und einem Schriftraum von 38 x 23 cm, der um das Jahr 800 im Älteren Lorscher Stil in zwei Spalten zu 45 Zeilen beschrieben wurde, handelte es sich um einen ungewöhnlich großformatigen Codex. Vermutlich ist das Fragment der einzig erhaltene Rest einer ursprünglichen mehrbändigen Ausgabe der Bibel, genauer um einen ca. 230seitigen Teilband, der in zwei Lorscher Bibliothekskatalogen des 9. Jh. verzeichnet ist:

Prouerbia Salomonis, ecclesiastes, cantica canticorum, Iob, Tobias, Iudith, Hester, Esdras, Machabeorum, liber omnium prophetarum in uno codice (BAV, Pal. lat. 1877, fol. 3r; vgl. BAV, Pal. lat. 57, fol. 1r).

Nach der Makulierung des Codex tauchte das Fragment erstmals 1976 auf einer Versteigerung in Hamburg auf. Es wurde nach Berkeley/California verkauft und 1991 auf einer Londoner Auktion für die Schøyen Collection (London/Oslo) erstanden, aus der es nun in öffentlichen Besitz gelangt ist.

Nachdem das Fragment am 14. November der Öffentlichkeit präsentiert worden ist, wird es derzeit bis zum 2. Dezember, im Rahmen der Ausstellung „Rückkehr auf Zeit“ zusammen mit zwei weiteren Lorscher Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg, im Museumszentrum Lorsch (Nibelungenstraße 35, geöffnet Di-So 10-17 Uhr) gezeigt. Weitere Informationen sowie eine Transkription des lateinischen Textes und eine deutsche Übersetzung finden Sie auf den Internetseiten der VSG Hessen. Eine digitale Reproduktion des Originals ist bereits in die Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch integriert worden:

Bad Homburg, Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen (UNESCO-Welterbestätte Kloster Lorsch)
Inv.-Nr. 6.1.580
Biblia, Liber Tobiae (Fragment)
Lorsch, um 800

Neue Handschriftenbeschreibungen online: Das „Lorscher Arzneibuch“ und andere Codices Laureshamenses aus der Staatsbibliothek Bamberg

Fünf ehemalige Lorscher Handschriften befinden sich heute in der Staatsbibliothek Bamberg. Zu allen stehen nun wissenschaftliche Beschreibungen als PDF-Datei in der Online-Präsentation der Handschriften zur Verfügung. Außerdem sind sie über die Projekt-Datenbank recherchierbar.

Nicht nur im Falle des berühmten „Lorscher Arzneibuchs“ handelt sich bei den fünf Codices um bedeutende Textzeugen und wichtige Dokumente der Lorscher Bibliotheks- und Schriftgeschichte:

  • Msc. Bibl. 37: Origenes (185/86-254), Homiliae in librum Iudicum (Lorsch, ca. 2. Viertel 9. Jh.)
  • Msc. Bibl. 93: Evangeliar (Lorsch, ca. 2. Viertel 9. Jh.)
  • Msc. Lit. 132: Amalarius von Metz (um 775-um 850), Liber officialis (Lorsch, 2. Hälfte 10. Jh.)
  • Msc. Med. 1: Medizinisches Kompendium bzw. „Lorscher Arzneibuch“ (Lorsch, um 800)
  • Msc. Patr. 69: Gregor der Große (ca. 540-604), Homiliae in Ezechielem & Epistulae (Mainz, 11. Jh.)

Alle Manuskripte sind in karolingischer Minuskel geschrieben, vier entstanden im Skriptorium von Lorsch: Das „Lorscher Arzneibuch“, geschrieben im „Älteren Lorscher Stil“ (nach Bernhard Bischoff), gehört zu den frühesten Schriftzeugnissen des Reichsklosters und gilt als älteste medizinische Handschrift des deutschen Raumes. Es enthält eine bemerkenswerte Einleitung (foll. 1r-5r), in der ein anonymer Autor die Heilkunst als Gelegenheit, Barmherzigkeit zu üben, rechtfertigt. Unter den einführenden Texten zum Hauptteil mit medizinisch-pharmazeutischen Rezepten findet sich außerdem eine Kurzfassung des hippokratischen Eides (fol. 6r). Der Codex bietet auch einige erläuternde Glossen in althochdeutscher Sprache des frühen 9. Jh., besondere Berühmtheit erlangte er durch die fol. 42v eingetragene Bücherliste Kaiser Ottos III. (996-1002).

Die Origines-Handschrift und das Evangeliar sind im „Jüngeren Lorscher Stil“ geschrieben; letzteres gehört aufgrund der kalligraphischen Ausführung zur Gruppe der Manuskripte, die Bernhard Bischoff als Grundlage zur Bestimmung dieser mit heute noch ca. 100 erhaltenen Handschriften bedeutendsten Schaffensphase des Lorscher Skriptoriums benutzte. In der zweiten Hälfte des 10. Jh., aus dem nur etwa 20 Lorscher Manuskripte überliefert sind, entstand die Abschrift des Liber officialis, eines Handbuchs zur Liturgie von Amalarius von Metz. Nach den paläographischen Studien Hartmut Hoffmanns kam es im 11. Jh. nicht nur zu einem erneuten Aufschwung des Lorscher Skriptoriums, auch ermittelte er mehrere in Lorsch geschulte Schreiber an anderen Skriptorien; so hatte etwa eine Lorscher Hand vermutlich Anteil am Mainzer Codex mit Predigten und Briefen Papst Gregors des Großen.

Das „Lorscher Arzneibuch“ wurde wahrscheinlich von Kaiser Heinrich II. (1002-1024) an das von ihm gegründete Bamberger Bistum geschenkt. Anhand der paläographischen Bestimmung eines Nachtrags (fol. 11r) lässt sich sagen, dass das Evangeliar spätestens Ende des 11. Jh. nach Bamberg gelangte; aufgrund einer unmittelbaren Abschrift aus dem 1. Viertel des 12. Jh. (Bamberg, SB, Msc. Patr. 112) ist zu schließen, dass sich die Origenes-Handschrift zu diesem Zeitpunkt bereits hier befand. Der Mainzer Gregor-Codex gehörte nach einem Besitzvermerk (fol. 1r) wohl spätestens seit dem 14. Jh. zur Bamberger Dombibliothek. Alle fünf Codices wurden 1611 am fränkischen Bischofssitz neu gebunden, die Einbände schützen die 1803 im Zuge der Säkularisation in bayerischen Staatsbesitz gelangten Handschriften noch heute. Außer zu Msc. Patr. 69 finden Sie digitale Reproduktionen auch in der von der Staatsbibliothek Bamberg betriebenen „Kaiser-Heinrich-Bibliothek“.

Renaissanceeinbände des 16. Jahrhunderts aus der Bibliothek Ottheinrichs von der Pfalz

Im 19. Jh. wurden in der Biblioteca Apostolica Vaticana zahlreiche Codices restauriert, wozu Rechnungen von 1833 bis 1874 erhalten sind. Die Buchbinder ersetzten dabei einige der Einbände komplett. Kostbare Stücke wurden jedoch in den Fondo legature überführt und bis heute aufbewahrt. Hier finden sich auch mindestens 29 Ziereinbände, die der Wittelsbacher Ottheinrich (1502-1559, Pfalzgraf bei Rhein, seit 1522 Landesherr im Herzogtum Pfalz-Neuburg, seit 1556 Kurfürst von der Pfalz) in den 1540er und 1550er Jahren, die Mehrheit in kurfürstlicher Zeit, anfertigen ließ. Mit der Heidelberger Bibliotheca Palatina gelangten sie 1622/23 nach Rom, während der Großteil der Bücher, um Gewicht zu sparen, seinen historischen Einband verlor und in Kisten über die Alpen transportiert wurde.

Unter den im vatikanischen Fondo legature ermittelbaren vier Ottheinrich-Einbänden, die vormals Handschriften aus Bibliothek und Skriptorium von Lorsch schmückten, befindet sich Pal. lat. 239 (Isidor von Sevilla, Chronica maiora; 9. Jh.): Die Holzdeckel wurden mit braunem Leder überzogen. Auf dem Vorderdeckel ist das mit einem Plattenstempel aufgebrachte Wappensupralibros mit Pfälzer Löwen und bayerischen Rauten zu sehen, darüber die abgekürzte Devise MDZ (Mit der Zeit) und darunter das Monogramm OHP (Otto Heinrich Pfalzgraf) sowie die Jahreszahl 1548, alles in Goldprägung. Eine mit Rollenstempel geprägte Rahmung auf Vorder- und Hinterdeckel zeigt den alttestamentlichen König David mit Harfe, den Apostel Paulus mit Buch und Schwert sowie den auferstandenen Christus.

         

Zwei weitere Einbände tragen dasselbe vergoldete Wappen mit Devise und Monogramm und stammen ebenfalls aus dem Jahr 1548: Der ehemalige Einband von Pal. lat. 930 (Wormser und Lorscher Briefsammlung; 11. Jh.) ist auf Vorder- und Hinterdeckel mit der sogenannten Salvatorrolle aus der Buchbinderwerkstatt Ottheinrichs gerahmt und zeigt drei Motive (Sündenfall mit Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis, Kreuzigung und Auferstehung Christi), hier leider stark abgerieben; der Buchrücken wurde 1853/54 noch neu bezogen und präsentiert goldene Wappenstempel von Papst Pius IX. und dem vatikanischen Bibliothekspräfekten Angelo Mai. Der Ottheinrich-Einband, der einst die Handschrift Pal. lat. 1513 (Cicero, De finibus bonorum et malorum; 11. Jh.) zierte, trägt auf beiden Deckeln eine Rahmung mit Köpfen in Medaillons und architektonischen Schlossdarstellungen.

Der vierte Ottheinrich-Einband schützte bis ins 19. Jh. die Handschrift Pal. lat. 1649 (Priscian, Partitiones XII versuum Aeneidos principalium; 9. Jh.), die allerdings nur möglicherweise zur Lorscher Bibliothek gehört hatte: Er trägt die vergoldete Jahreszahl 1556. Auf dem Vorderdeckel befindet sich ein vergoldetes Porträtsupralibros mit Ottheinrich in einem Medaillonrahmen, nun mit den Initialen OHPC (Otto Heinrich Pfalzgraf Churfürst). Auf dem Hinterdeckel sieht man das ebenfalls vergoldete kurpfälzische Wappen mit dem Reichsapfel als Abzeichen für das Hofamt des Erztruchsessen, das dem Kurfürsten von der Pfalz vorbehalten war. Die Rahmen bestehen aus Blumengerank, auf dem Vorderdeckel wurde über dem Bildnis Ottheinrichs ein vergoldeter Engelskopf eingeprägt.

     

Lange musste sich Ottheinrich mit Titel und Würde eines Pfalzgrafen bei Rhein und dem Herzogtum Pfalz-Neuburg begnügen, bis er nach dem Tode Friedrichs II. 1556 die kurfürstlich-pfälzische Herrschaft antreten konnte. Aber schon zuvor demonstrierte Ottheinrich seinen Rang auch mit den Büchern seiner Bibliothek, die er, wie die Einbände nahelegen, spätestens ab dem Jahr 1548 mit Handschriften aus dem Kloster Lorsch vergrößerte. Insgesamt sind mehrere hundert Ottheinrich-Einbände erhalten. In der Universitätsbibliothek Heidelberg werden 92 Exemplare aufbewahrt, z.B. ein besonders prächtiges, wenn auch kein typisches Stück aus dem Jahr 1558 zum Codex Palatinus Germanicus 833. 27 Stücke befinden sich in Ottheinrichs erster Residenzstadt Neuburg a.d. Donau, 26 in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Weitere Ottheinrich-Einbände sind in Mainz und Köln sowie Streubestände auch an anderen Orten zu lokalisieren. Zu letzteren gehört ein fünfter bekannter Ottheinrich-Einband, der (noch immer) eine ehemalige Lorscher Handschrift (Boethius, Institutio arithmetica; 9. Jh.) schützt: Er stammt aus dem Jahr 1548 und liegt heute in der ungarischen Nationalbibliothek in Budapest (Cod. lat. 3).

Nachtrag (28.05.2013): Auch eine Handschrift aus dem vatikanischen Palatina-Fonds, Pal. lat. 573 (Iustinianus, Confessio fidei; 9. Jh.), trägt noch immer einen Ottheinrich-Einband. Dieser stammt aus dem Jahr 1558 und bietet ähnliche goldgeprägte Porträt- bzw. Wappensupralibros wie auch Pal. lat. 1649.

Nachtrag (11.03.2014): Die zweite Lorscher Handschrift (Canticum canticorum cum glossa; um 1200) aus der ungarischen Nationalbibliothek in Budapest (Cod. lat. 51) besitzt ebenfalls noch heute ihren Ottheinrich-Einband: Dieser weist ein Porträtsupralibros mit Beischrift und Jahreszahl 1553 sowie ein Wappensupralibros wie Pal. lat. 239 etc. auf.

Augsburger und Erlanger Fragmente: Reste einer Lorscher Prachthandschrift

Zumindest in Fragmenten ist ein prachtvoll gestaltetes karolingisches Sakramentar aus Lorsch überliefert. Das Buch, das die vom Priester während des Gottesdienstes zu sprechenden Gebete enthält, wurde ca. im dritten Viertel des 9. Jh. in Lorsch hergestellt. Geschrieben wurde es von Schreibern, die sehr wahrscheinlich auch am „Lorscher Rotulus“ (Frankfurt/M., StUB, Ms. Barth. 179) beteiligt waren. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde der Codex makuliert; die heute in den Universitätsbibliotheken in Augsburg (Cod. I.2.4° 1) und Erlangen (Ms. 2000) verwahrten Reste wurden als Einbandhüllen für andere Bücher verwendet.

     

Die Zerstörung der Handschrift erscheint aufgrund ihrer künstlerischen Ausschmückung besonders tragisch, gerade weil aus Lorsch kaum illuminierte Codices aus karolingischer Zeit bis heute überdauert haben. Umso erfreulicher ist die zumindest in Bruchstücken erfolgte Erhaltung dieses liturgischen Buches, das in Teilen seiner künstlerischen Gestaltung auf Vorlagen aus dem „Lorscher Evangeliar“ (Alba Iulia, Bibl. Batthyáneum, Ms R II 1 und Vatikan, BAV, Pal. lat. 50) zurückgeführt wird. Im Erlanger Fragment mit dem Hochgebet, dem Kernstück einer jeden Gottesdienstfeier, ist der Anfang des Messkanons (Te igitur clementissime pater) – wie auch in anderen Sakramentaren bis in die heutige Zeit – als sogenannte Te-Igitur-Seite ausgeschmückt. Der erste Buchstabe, das T, nimmt hier ca. zwei Drittel der Seite ein, es trägt unter anderem eine Darstellung Christi mit Segensgestus und Buch und wird selbst von einem Engel mit zum Gebet ausgestreckten Armen getragen. Das Augsburger Fragment enthält Messgebete für die Pfingstwoche. Es beginnt mit einer das Pfingstwunder illustrierenden farbigen Initialzierseite: Wohl aus einem verblassten Strahlenbündel im Mittelfeld des oberen Rahmens empfangen die in weiteren elf Rahmenfeldern mit ihren Köpfen dargestellten Apostel über versinnbildlichende Feuerzungen den Heiligen Geist. Dieser selbst ist (nochmals) abgebildet als Taube, die einen den Abkürzungsstrich für das Wort Deus ersetzenden Zweig im Schnabel hält. Das D (in unzialer Form) ist als Flechtbandinitiale, das S wie auch die folgenden Wörter des ersten Messgebets in einer insularen Ziermajuskelform ausgeführt. Auf den nächsten zwei Seiten folgen die restlichen Gebete für die Pfingstsonntagsmesse, in karolingischer Minuskel komplett in Gold geschrieben.

Der Messkanon der Gottesdienstfeier enthält verschiedene Abschnitte, in denen das Gedenken an besondere Lebende und Tote zelebriert wird. Das Erlanger Fragment bietet auf Blatt [1]v im „Communicantes“, dem Heiligengedächtnis, den Namen des Lorscher Klosterpatrons Nazarius, hervorgehoben in goldenen Majuskelbuchstaben. Auf derselben Seite sind in einem Nachtrag aus der ersten Hälfte des 10. Jh. auf den linken Rand die Namen von fünf Lorscher Äbten notiert und mit einem verzierten Goldrahmen umgeben: Hatto (901-913), Adalbero (895-897 und 900-901), Thiothroch (864/65-876), Eigilbert (856-864/65) und Babo (876-881). Diesen sollte – wie auch einem Theotolah, wohl Thiethlach (890/91-914 Bischof von Worms) und einem nicht näher zu identifizierenden Fridagar sowie zwei unterhalb des Goldrahmens verzeichneten Bischöfen aus dem 11. Jh. (Werinher von Merseburg und Burchard von Basel) – als besonders erinnerungswürdig angesehenen Wohltätern des Klosters im Einleitungsgebet des Messkanons oder im darauf folgenden „Memento“ gedacht werden.

Die Fragmente dieses aufgrund der Nameneinträge nicht nur für Liturgie und Buchkunst in Lorsch, sondern auch für die allgemeine Klostergeschichte wichtigen Zeugnisses wurden im Rahmen des Projektes „Bibliotheca Laureshamensis – digital“ virtuell wieder zusammengeführt. Damit steht dieses historische und zugleich künstlerische Dokument nicht nur der Forschung bequem zur Verfügung.

„Lorscher Rotulus“: Eine liturgische Buchrolle aus der Zeit Ludwigs des Deutschen ist online!

Der „Lorscher Rotulus“ (Frankfurt a.M., StUB, Ms. Barth. 179) entstand in Lorsch unter der Herrschaft Ludwigs des Deutschen (gestorben 876), des Enkels Karls des Großen. Eventuell war er zur Verwendung am Hof des ostfränkischen Herrschers bestimmt gewesen. Es handelt sich um die einzige erhaltene liturgische Buchrolle aus karolingischer Zeit aus der Region nördlich der Alpen. Mit seinen ca. 530 Heiligenanrufungen und den folgenden Fürbitten, verteilt über 244 Zeilen, gehört er außerdem zu den längsten frühmittelalterlichen Litaneien.
Der Name des Lorscher Klosterpatrons Nazarius ist mit Goldtinte und in Majuskelbuchstaben hervorgehoben (Recto-Seite, Zeile 28, linke Spalte). Unter den Fürbitten findet sich u.a. eine für Ludwig den Deutschen, dessen Gemahlin Hemma und deren Nachkommen: ut Hludouuicum regem perpetua prosperitate conseruare dignerisut Hemmam reginam conseruare dignerisut nobilissimam eorum prolem in salutem populi christiani conseruare digneris, te rogamus (Recto-Seite, Zeile 232-235). Der Name Ludwigs, der auch in Lorsch bestattet wurde, ist mit einem goldenen Kreuz hervorgehoben.

    

Die Nachträge auf der Rückseite (10./11. Jh.), darunter ein Schatzverzeichnis des Frankfurter Salvatorstifts, wo sich der Rotulus seit dem 10. Jh. befand, stammen nicht aus Lorsch.

Online: Spätantike Vergil-Handschrift

Unter den ältesten Handschriften der Lorscher Klosterbibliothek befindet sich ein besonderes Kleinod: Der „Vergilius Palatinus“ (Vatikan, BAV, Pal. lat. 1631) enthält die Eklogen, die Georgica und die Aeneis. Der Codex wurde im 5./6. Jahrhundert in Italien geschrieben und gehört zu den drei ältesten und wichtigsten Textzeugen des römischen Dichters. Die Handschrift ist komplett in einer Majuskelschrift geschrieben. Dem Humanisten Sebastian Münster (1488-1552) schien der Codex so altehrwürdig, dass er ihn für einen Autographen Vergils hielt.

„Vergilius Palatinus“ (Vatikan, BAV, Pal. lat. 1631)

Vorerst sind noch Zugriffsbeschränkungen zu beachten. Frei zugänglich ist die Vergil-Handschrift zunächst nur von Rechnern der Biblioteca Apostolica Vaticana und des Kloster Lorsch aus sowie für Angehörige der Universität Heidelberg und Besucher der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Heidelberg.

„Lorscher Evangeliar“ online

Das wohl bekannteste und kostbarste Werk unter den erhaltenen Lorscher Codices ist das „Lorscher Evangeliar“. Die prachtvoll ausgestattete Evangelienhandschrift ist um 810 an der Hofschule entstanden und gelangte noch im selben Jahrhundert in die Klosterbibliothek. Das „Lorscher Evangeliar“ wurde vermutlich im Jahr 1479 in zwei Hälften geteilt, welche Mitte des 16. Jahrhunderts in die Heidelberger Bibliotheca Palatina überführt wurden.

Der erste Teil befindet sich heute in der rumänischen Nationalbibliothek, der zweite Teil (Pal. lat. 50) in der Vatikanischen Bibliothek. Diese zweite Hälfte sowie eine der kostbaren Elfenbeintafeln, welche einst den Einband der Evangelienhandschrift schmückte und heute ebenfalls im Vatikan aufbewahrt wird, ist nun in die Lorscher Virtuelle Bibliothek integriert worden.

„Lorscher Evangeliar“ (Vatikan, BAV, Pal.lat.50)

Vorerst sind noch Zugriffsbeschränkungen zu beachten. Frei zugänglich ist die Handschrift zunächst nur von Rechnern der Biblioteca Apostolica Vaticana und des Kloster Lorsch aus sowie für Angehörige der Universität Heidelberg und Besucher der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Heidelberg.

„Wiener Livius“: Erste Handschrift der Österreichischen Nationalbibliothek online

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 15
Livius
Ab urbe condita, libb. XLI-XLV
Italien, 5. Jh.

Die Österreichische Nationalbibliothek in Wien ist neben der Bayerischen Staatsbibliothek München und der Bodleian Library in Oxford eine der Bibliotheken, die über einen umfangreichen Bestand von je ca. 20 Lorscher Handschriften verfügen.

Unter den Wiener Handschriften befindet sich ein sehr altes und für die Textüberlieferung höchst bedeutendes Manuskript: Es enthält als „Codex unicus“ die nur hier erhaltenen Livius-Bücher 41-45. Nach dem Eintrag fol. 193v (… ep[iscop]i de Dorostat) befand sich die Handschrift Ende des 8. oder Anfang des 9. Jh. vermutlich im Besitz eines Bischofs von Utrecht. In der Lorscher Bibliothek wurde sie 1527 von Simon Grynaeus entdeckt, daraufhin erschien die Erstausgabe der halben 5. Dekade des augusteischen Geschichtsschreibers mit einer Einleitung von Erasmus von Rotterdam 1531 in Basel. Der Codex gelangte 1665 in die kaiserliche Hofbibliothek in Wien.