Kategorie-Archiv: Ausgewählte Handschriften

Letzte Lorscher Handschrift online

Als letztes der Manuskripte aus dem Lorscher Handschriftenerbe nach Bernhard Bischoff und Hartmut Hoffmann (s. Projektbeschreibung) ist Mitte November der Codex Laureshamensis (diplomaticus) im neuen Internetportal Archivum Laureshamense – digital online gegangen. Der Ende des 12. Jh. angelegte Codex ist sozusagen das Urkundenbuch des Klosters Lorsch und hat allein alle bekannten Urkunden vom 8. bis zum 12. Jahrhundert aus Lorsch in regestenartiger Kopialüberlieferung bewahrt. Besonders interessant ist er für die historische Topographie und Regional- und Heimatgeschichte, u.a. da er für zahlreiche Ortschaften in Süd- und Westdeutschland die Ersterwähnungen bietet. In unserem Schwesterportal wurde der Codex Laureshamensis für das wissenschaftlich sowie das allgemeiner interessierte Publikum mit der maßgeblichen Edition und deutschen Übersetzung verlinkt, und die im Codex genannten Orte wurden über ein alphabetisches Register und in interaktiven Karten erschlossen.

 

Würzburg, Staatsarchiv, Mainzer Bücher verschiedenen Inhalts 72
„Codex Laureshamensis“
Lorsch, ca. 4. Viertel 12. Jh.

 

 

 

Der Codex Laureshamensis entstand im Lorscher Skriptorium und bietet als Einführung zum Kopialbuch auch eine Hauschronik des Klosters. Aus der Bibliotheca Laureshamensis – digital verlinken wir – im letzten Projektschritt – auf die Präsentation im Archivportal. Damit sind nun alle im Projekt anvisierten Handschriften in digitalen Reproduktionen online zugänglich und wissenschaftlich erschlossen. Insgesamt sind 331 Codices, Faszikel und Fragmente, die sich über 309 Signaturen in 73 Bibliotheken, Archiven und Museen in Europa und den USA verteilen, aufgenommen worden. Dabei handelt es sich um 287 (mehr oder weniger vollständig erhaltene) Handschriften, die in 208 Codices bzw. Bänden, einem Rotulus und 78 Faszikeln vorliegen, sowie 43 Fragmente und eine Elfenbeintafel von einem ehemaligen Bucheinband. 277 Handschriften gehen auf die Zuweisung Bischoffs zurück, 54 auf die Hoffmanns. Insgesamt umfasst die Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch nahezu 75.000 Bilddateien.

Über den eigentlichen Projektrahmen hinaus wurden Manuskripte, deren Zuweisung an Lorsch nicht auf Bischoff oder Hoffmann beruht, in einer separaten Liste mit Weiteren Handschriften zusammengestellt, die auch zukünftig nach externen Meldungen fortgeführt werden soll. Auch hier konnten zu zahlreichen Handschriften Digitalisate bereitgestellt werden. Des Weiteren wurde der Buchschmuck detailliert in der Bilddatenbank heidICON erschlossen. Schließlich wird, das Projekt abrundend, im kommenden Jahr der Katalog der erhaltenen Handschriften aus Bibliothek und Skriptorium des ehemaligen Klosters Lorsch bei Harrassowitz im Druck erscheinen. Neben den Handschriftenbeschreibungen, die als PDF-Dateien in jeder Handschriftenpräsentation und über die Projektdatenbank bereits zugänglich und verregistert sind, wird hier einleitend eine ausführliche Darstellung der Forschungsgeschichte und des Forschungsstandes zum Lorscher Handschriftenerbe geboten werden.

Das gesamte Projektteam der Universitätsbibliothek Heidelberg bedankt sich bei seinen großzügigen Förderern, der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen unter ihrem Direktor Karl Weber und dem Museumszentrum Lorsch unter der Leitung von Dr. Hermann Schefers, sowie allen Partnerinstitutionen und Privatpersonen, die das Projekt mit Digitalisaten und Hinweisen zur Katalogisierung unterstützt haben und ohne deren Hilfe es nicht zu einem erfolgreichen Abschluss hätte geführt werden können. Wir hoffen, dass die Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch zur weiteren Erforschung der mittelalterlichen Schrift- und Bibliotheksgeschichte einlädt wie auch beim Stöbern im spätantiken bis spätmittelalterlichen Buchbestand Freude bereitet und Interesse weckt.

Bedeutende Lorscher Handschriften


Eine Auswahl der bedeutendsten Lorscher Handschriften wurde nach philologischen und kunsthistorischen Kriterien zusammengestellt. Hierunter fällt zum Beispiel der „Wiener Livius“ mit der nur in diesem Manuskript überlieferten Passage aus den Geschichtsbüchern des antiken Historikers, die reich illustrierte Prachthandschrift des „Lorscher Evangeliars“ oder eine elfenbeinerne Buchdeckelverzierung des heiligen Nazarius, des Lorscher Schutzpatrons.

Alle Codices werden mehrsprachig mit einführenden Texten und Vorschaubildern präsentiert, und über Links gelangen Sie direkt zum digitalen Faksimile der gesamten Handschrift.

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Handschriften aus der Bodleian Library in Oxford online

Mit den 20 Handschriften aus der Oxforder Bodleian Library ist nun auch der zweitgrößte Bestand an ehemaligen Lorscher Codices in die „Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch“ integriert.

Unter den Oxforder Manuskripten befindet sich ein Prachtevangeliar des 11. Jahrhunderts (MS. Douce 292), das der sog. Oudalricus-peccator-Gruppe zugezählt wird und wohl in Lorsch oder Lüttich für einen deutschen König hergestellt wurde. Es ist leider nur unvollständig erhalten, die Evangelien nach Lukas und Johannes sind verlorengegangen. An den bewahrten Evangelienanfängen ist es mit ganzseitigen Miniaturen der Evangelisten Matthäus (fol. 6v) und Markus (fol. 69v) sowie mit jeweils folgenden Initialzierseiten geschmückt. Der Vorderdeckel des Einbandes wurde mit einem prachtvollen Metallrahmen verziert, in den unter anderem ein Bild des Stifters, Heinrichs III. oder Heinrichs IV. (?), rechts in der Mitte eingraviert wurde und der eine Elfenbeintafel umschließt, die den thronenden Christus zeigt. Am Anfang (fol. 1r) im 13. Jahrhundert eingetragene Personen- mit Ortsnamen belegen, dass der Codex zu dieser Zeit in einer Kirche in oder bei Laon in Frankreich aufbewahrt wurde. 1829 ist er im Besitz des englischen Antiquars Francis Douce nachweisbar, der das Evangeliar 1834 an die Bodleian Library vererbte.

 

Die restlichen 19 Handschriften stammen alle aus dem Besitz des Erzbischofs von Canterbury und Kanzlers der Universität Oxford William Laud († 1645). Am 28. Juni 1639 schenkte er sie mit zahlreichen weiteren Handschriften, die er hauptsächlich aus Kriegsbeuten im vom Dreißigjährigen Krieg erschütterten Deutschland bezogen hatte, der Bodleian Library, nachdem er alle Codices neu hatte binden und den Einband mit seinem Wappen in Goldprägung auf Vorder- und Hinterdeckel hatte ausstatten lassen. Vermutlich 18 Codices stammten aus dem 1631-1635 mehrmals von schwedischen und hessischen Truppen geplünderten Zisterzienserkloster Eberbach bei Eltville am Rhein, wohin sie wahrscheinlich in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts aus Lorsch gelangt waren, als Mönche aus Eberbach versucht hatten, die Zisterzienserobservanz im dortigen Benediktinerkloster durchzusetzen. Eine der 19 Handschriften (MS. Laud. mis. 271) gelangte, ebenfalls während des Dreißigjährigen Krieges, aus der Würzburger Dombibliothek in den Besitz Lauds; das in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts vermutlich im Einflussbereich Lorschs geschriebene Manuskript geriet bald nach seiner Herstellung, spätestens im 10. Jahrhundert, auf unbekannten Wegen an den fränkischen Bischofssitz.

Sämtliche Handschriften aus der Sammlung Lauds bieten Texte spätantiker Kirchenväter und Bischöfe, die im 9. Jahrhundert kopiert worden waren. Ausnahmen sind lediglich: der Codex MS. Laud. misc. 159, der einen karolingerzeitlichen Kommentar zu den ersten acht Büchern des Alten Testaments enthält, zusammen mit einer Auslegung des Anfangs der Genesis aus der Feder des Angelsachsen Beda Venerabilis († 735); eine Predigtsammlung (MS. Laud. misc. 427) stammt aus dem 10. Jahrhundert, und eine Bibelhandschrift (MS. Laud. lat. 21) mit den Zwölf kleineren Propheten und zugehörigen Erläuterungen aus der sog. Glossa ordinaria wurde erst im 12. oder 13. Jahrhundert, möglicherweise in Lorsch, hergestellt. Auffällig ist das große Format fast aller 19 Handschriften; der Bücherliebhaber Laud scheint sie vor allem aus bibliophilen Gesichtspunkten ausgewählt zu haben, um eine prestigeträchtige Sammlung aufzubauen.

Elfenbeinerne Nazariustafel aus dem Museum August Kestner in Hannover

Das Museum August Kestner in Hannover verwahrt eine Elfenbeinschnitzerei des heiligen Nazarius, die in ottonischer Zeit, wohl Ende des 10. Jahrhunderts, angefertigt wurde und nun in der „Virtuellen Lorscher Klosterbibliothek“ online gestellt ist.

nazariustafel-hannoverDie 16,5 x 10 cm messende Tafel mit Palmettenrahmen zeigt einen Mann mit Heiligenschein und weist ihn mit der Siegespalme als Märtyrer aus. Im Redegestus steht er auf oder vor einer kleinen Arkadenreihe, die ihm als Sockel zu dienen scheint und vielleicht auch ein Gebäude oder einen Ort repräsentiert. Die Beischrift identifiziert ihn als S[AN]C[TV]S NAZARIVS.

Die Tafel zierte einst wohl die Buchdeckel einer liturgischen Prachthandschrift, vermutlich einer aus dem Lorscher Nazariuskloster. In Frage käme aber auch eine Kirche in Trier, wo Nazarius mit seinem Schüler Celsus im 3. Jahrhundert gewirkt haben soll. Wahrscheinlich wurde die zierliche Elfenbeinplatte unter Einfluss des sogenannten Meisters des Registrum Gregorii hergestellt, der im letzten Viertel des 10. Jahrhunderts in Trier als Buchmaler tätig war. Hier schuf er unter anderem ein Prachtsakramentar für Lorsch (heute Chantilly, Bibliothèque du château, Ms. 40), wo zu dieser Zeit Abt Salemann (972-999) die Kirche mit Goldschmiedearbeiten ausschmücken ließ und auch mehrere codices de monasterio sancti Nazarii mit edlen Prachteinbänden verzierte.

Hannover, Museum August Kestner
Inv.-Nr. 410
Elfenbeinerne Nazariustafel
Trier (?) oder Lorsch (?), ca. 4. Viertel 10. Jh.

Letzte Handschrift aus Österreich online

Ein Lorscher codex discissus zwischen Rheinland, Neckar, Vatikan, Schwarzwald, Lavanttaler Alpen und nun wieder vereint im WorldWideWeb

Mit Cod. 110/6 aus dem Archiv des Benediktinerstifts St. Paul im Lavanttal sind nun alle bekannten Lorscher Handschriften, welche heute in Österreich aufbewahrt werden, in die Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch integriert worden. Bei den Fragmentblättern aus Kärnten handelt es sich um das Ende eines Exemplars vom Tonar Bernos von der Reichenau, welches um die Mitte des 11. Jahrhunderts in Lorsch angefertigt wurde und der Oudalricus-peccator-Gruppe zugeordnet wird. Der Hauptteil des codex discissus, der zerteilten Handschrift, wird heute in der Biblioteca Apostolica Vaticana aufbewahrt (Vatikan, BAV, Pal. lat. 1344). Im Rahmen des Projektes konnten die beiden Teile nun mit Hilfe moderner Technik im Internet wieder zusammengeführt werden.

Der Tonar – eine nach den acht Kirchentonarten geordnete Zusammenstellung von Gesängen des gregorianischen Choralrepertoires – des Berno von der Reichenau († 1048) gehört mit seinem musiktheoretischen Prolog zu den meistüberlieferten Musiktraktaten des Mittelalters. Der Lorscher Codex entstand noch zu Lebzeiten des Autors oder nur kurze Zeit später. Über die Heidelberger Bibliotheca Palatina gelangte er 1623 in die vatikanische Bibliothek, wo er im 18. Jahrhundert die Aufmerkamkeit Martin Gerberts erregte. Der Fürstabt von St. Blasien im Schwarzwald (1764-1793) hat durch quellenbasierte historische Forschungen auf dem Gebiet der Kirchen- und Musikgeschichte seinen Namen bis heute bewahrt. Er ging jedoch nicht zimperlich vor und scheute auch nicht davor zurück, Blätter für spätere Studien aus ihrem Codex herauszureißen und unerlaubterweise an sich zu nehmen; seine bleibenden Verdienste gehen nicht allein zu Lasten des Diebstahls der neun Blätter aus dem Lorscher Tonar. Als das Kloster St. Blasien 1806 im Zuge der napoleonischen Umwälzungen aufgelöst wurde, suchte der Restkonvent eine neue Heimat, 1809 fand er mit einigem geretteten Habe, darunter auch einen Teil der Klosterbibliothek, einen Zufluchtsort in St. Paul im Lavanttal im habsburgischen Kärnten.

Ein weiteres Manuskript aus St. Paul im Lavanttal ist der Codex 8/1, der zwar nicht in Lorsch entstanden ist und auch nicht zum Bestand der Lorscher Klosterbibliothek gehörte, aber die sog. Lorscher Annalen – ein karolingerzeitliches Geschichtswerk, dessen Abfassung mit dem Kloster Lorsch in Verbindung gebracht wird – enthält. Ebenfalls digitalisiert wurde er in die Liste der „Weiteren Handschriften“ integriert, die als künftige Forschungsgrundlage die Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch ergänzen soll.


St. Paul i. Lavanttal, Stiftsarchiv

Cod. 110/6
Berno Augiensis
Tonarius (Fragment)
Lorsch, ca. Mitte 11. Jh.

Cod. 8/1 in der Liste „Weitere Handschriften“
Annales Laureshamenses
Reichenau, ca. 835

Fragm. III Severus: Einzigartiger Zeuge spätantiker Bibeldichtung aus der Stadtbibliothek Trier

Nach einem Eintrag in einem Lorscher Bibliothekskatalog (Vatikan, BAV, Pal. lat. 1877, fol. 31v) befand sich im 9. Jh. im dortigen Kloster eine Handschrift mit spätantiker Bibeldichtung von drei verschiedenen Autoren:

Metrum Seueri episcopi in euangelia, libri XII, eiusdem eglogas X, eiusdem Georgicon, libri IIII; metrum Cresconii in euangelia, liber I, eiusdem de diis gentium luculentissimum carmen, eiusdem uersus de principio mundi uel de die iudicii et resurrectione carnis; metrum Aratoris in actibus apostolorum, libri II; in uno codice.

Die versifizierte Apostelgeschichte des Arator (6. Jh.) war mittelalterliche Schullektüre und ist in zahlreichen Handschriften erhalten. Die drei genannten Werke des Cresconius hingegen sind verlorengegangen, auch die Identität des Autors ist nicht geklärt. Bei Severus handelt es sich wahrscheinlich um den 602 verstorbenen Bischof von Málaga; von den Eklogen und dem Georgicon ist nichts überliefert, seine Evangeliendichtung wäre ohne die in der Trierer Stadtbibliothek aufbewahrten Fragmente ebenfalls vollständig verloren.

Vermutlich handelte es sich bei dem um 860 im Lorscher Katalog verzeichneten Codex um die Handschrift, von der heute nur noch drei verschmutzte und verblasste Doppelblätter in der Stadtbibliothek Trier unter der Signatur Fragm. III Severus erhalten sind. Das Manuskript entstand um die Mitte des 9. Jh., an welchem Ort, ist unbekannt. Spätestens seit der Barockzeit befanden sich zumindest die erhaltenen Fragmente in Trier. Dort wurden sie 1967 von Bernhard Bischoff entdeckt, 1994 von Otto Zwierlein und anderen beschrieben und der Text herausgegeben. Die sechs Blätter enthalten das Ende des 8., das komplette 9. und den Anfang des 10. der zwölf Bücher Evangeliendichtung des Severus. Mit knapp 720 Versen sind sie die einzigen direkten Zeugen für das literarische Werk des mutmaßlichen Bischofs von der iberischen Halbinsel.

Die Trierer Fragmentblätter erinnern außerdem an weitere altchristliche Dichter und Autoren der Kirchenväterzeit, deren Werke nach Ausweis der alten Bibliothekskataloge im 9. Jh. zahlreich in Lorsch vertreten waren, heute aber zum Teil gänzlich verschollen sind.

„Lorscher Arzneibuch“ zum UNESCO-Weltdokumentenerbe ernannt

sbbam_mscmed1Das „Lorscher Arzneibuch“ gilt als die älteste medizinische Handschrift des abendländischen Mittelalters. Schon lange der Öffentlichkeit und Forschung bekannt, wurde seine Bedeutung nun von der UNESCO durch die Aufnahme in das Register „Memory of the World“ bestätigt. Das „Lorscher Arzneibuch“ wurde Ende des 8. Jahrhunderts in der Klosterabtei Lorsch (seit 1991 UNESCO-Weltkulturerbe) geschrieben. Nach einer nachgetragenen Bücherliste (fol. 42v) war die Handschrift später im Besitz Kaiser Ottos III. (+ 1002) und gelangte über dessen Nachfolger, Heinrich II. (+ 1024), nach 1007 in die Bibliothek des Bamberger Domstifts. Heute wird sie in der Handschriftensammlung der Staatsbibliothek Bamberg unter der Signatur Msc.Med.1 aufbewahrt.

Neben einer Sammlung von 482 Arzneimittelrezepten enthält der Codex eine bedeutende anonym verfasste Einleitung (foll. 1r-5r): zur Erlernung der Heilkunde wird das Lesen heidnischer Fachliteratur empfohlen und die Medizin als Geste der Nächstenliebe und Barmherzigkeit gerechtfertigt. Kranke Menschen zu heilen galt zu jener Zeit noch als ein Eingriff in Gottes Werk und widersprach somit der Haltung der Kirche. Die Handschrift gilt als „Meilenstein der Medizingeschichte“ und hat nun Anerkennung im Register „Memory of the World“ erhalten.

Ein digitales Faksimile des „Lorscher Arzneibuchs“ (Msc.Med.1) ist in den Digitalen Sammlungen der Staatsbibliothek Bamberg  und der „Kaiser-Heinrich-Bibliothek“ sowie natürlich in der Virtuellen Klosterbibliothek Lorsch online zu sehen.

Informationen zu weiteren Bamberger Handschriften aus der ehemaligen Lorscher Bibliothek finden Sie hier.

Weitere Informationen auf den Webseiten der UNESCO:

„Lorscher Evangeliar“ – virtuell wieder vereint

Im Rahmen des Projektes „Bibliotheca Laureshamensis – digital“ konnte nun auch das in vier Teile zerlegte „Lorscher Evangeliar“ virtuell wieder vereint werden. Die karolingische Pergamenthandschrift, die um 810 in der sogenannten Hofschule Karls des Großen entstand, gilt als eine Zimelie unter den Lorscher, ja sogar als eine der schönsten aller frühmittelalterlichen Handschriften. Sie ist fast vollständig in Goldtinte geschrieben, und jede Seite ist mit einem eigenen, kunstvoll und detailreich gestalteten Rahmen geschmückt. Besonders bemerkenswert sind die vier Evangelistenbilder (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) sowie die beiden Christusillustrationen (Christus mit Vorfahren und thronender Christus). Der Vorderdeckel und der Hinterdeckel des Einbandes wurden jeweils mit filigran geschnitzten Elfenbeintafeln verziert: vorn war die sogenannte Marientafel angebracht, hinten die Christustafel.

Die Handschrift war bald nach ihrer Entstehung in das Kloster Lorsch gelangt, wo sie über das gesamte Mittelalter hinweg aufbewahrt wurde. Dies bezeugt eine Notiz zur Neubindung des Codex im Jahr 1479 unter dem Lorscher Propst Eberhard von Wasen (Vatikan, BAV, Pal. lat. 50, fol. 124bv). Es ist zu vermuten, dass die Handschrift im Zuge dieser Neubindung in zwei Hälften – Matthäus und Markus, Lukas und Johannes – geteilt wurde. In der Mitte des 16. Jahrhunderts gelangte das „Lorscher Evangeliar“ unter Kurfürst Ottheinrich von der Pfalz aus dem Kloster Lorsch nach Heidelberg in die Bibliotheca Palatina und von dort während des Dreißigjährigen Krieges in die Biblioteca Apostolica Vaticana nach Rom. Hier wird noch heute der zweite Teil des „Lorscher Evangeliars“ mit den Evangelien nach Lukas und Johannes zusammen mit der Christustafel aus Elfenbein aufbewahrt (Pal. lat. 50). Aus Rom gelangte der erste Teil des Evangeliars auf fast unbekanntem Wege nach Alba Iulia, in eine Filiale der rumänischen Nationalbibliothek (Ms R II 1). Die elfenbeinerne Marientafel war spätestens 1785 vom Einband entfernt worden und befindet sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts in England, heute im Londoner Victoria and Albert Museum (Inv.-Nr. 138-1866).

Das komplette „Lorscher Evangeliar“ kann nun in allen seinen vier heutigen Einzelteilen auf der Website „Bibliotheca Laureshamensis – digital“ angesehen und durchblättert werden.

Zeugen antiker Medizin aus der Ratsschulbibliothek Zwickau

In der Ratsschulbibliothek in Zwickau werden neben anderen Schätzen vier Pergamentblätter (Fragm. CL a+b) aus dem 9. Jh. aufbewahrt. Aufschriften, Faltspuren und Verschmutzungen zeugen von ihrer Verwendung als Einbandhüllen seit der frühen Neuzeit. Der Autor des hier erhaltenen Textes, Caelius Aurelianus, stammte aus der römischen Provinz Africa proconsularis, heute im nördlichen Tunesien, und lebte um das Jahr 400. Vollständig bekannt sind nur seine acht Bücher über akute und chronische Krankheiten. Dadurch, dass seine Schriften hauptsächlich auf dem griechischen Arzt Soranos von Ephesos (um 100) aufbauen, gibt er uns Kunde von der antiken Heilkunst aus noch älterer Zeit.

Die Fragmente, die sich in Zwickau erhalten haben, bieten das 4. bis 10. Kapitel des 5. Buches über die chronischen Krankheiten. Sie sind beschrieben in karolingischer Minuskel, in einem Stil, wie er in der 1. Hälfte des 9. Jh. im Kloster St. Vaast im nordfranzösischen Arras und für ein oder zwei Jahrzehnte auch in Lorsch in Gebrauch war. Die Lorscher Provenienz des selten überlieferten Caelius ist durch die Verzeichnung in drei der vier Lorscher Bibliothekskatalogen des 9. Jh. gesichert. Von hier bezog der Humanist Johannes Sichardus zu Beginn des 16. Jh. das noch unzerstörte Manuskript für seine gedruckte Ausgabe des Werkes, die 1529 in Basel erschien. Sichardus war zwar ein erfahrener Herausgeber antiker Autoren, aber kein medizinischer Fachmann. Zur Seite stand ihm der Arzt und Philologe Janus Cornarius. Vermutlich mit Cornarius gelangte die Handschrift in dessen Heimatstadt Zwickau, wo er mehrere Jahre als Stadtarzt tätig war, und später in den Besitz von Paul Obermeyer, 1575-1589 Rektor der Ratsschule in Zwickau. Vielleicht handelte es sich jedoch bereits nur noch um die makulierten Reste, zumindest die beiden erhaltenen Doppelblätter dienten als Koperteinbände für zwei Bücher aus dem Besitz Obermeyers. 1921 bzw. 1922 entdeckte Otto Clemen, Bibliothekar der Ratsschulbibliothek, die beiden Fragmente.

Die Zwickauer Überreste des aus Lorsch stammenden Codex sind die einzigen erhaltenen handschriftlichen Überlieferungszeugen eines der umfangreichsten medizinischen Texte aus der Antike und zeugen zugleich von der häufigen Missachtung der Humanisten gegenüber ihren handschriftlichen Quellen aus früherer Zeit, sobald die Druckausgabe erschienen war.

Codex Pal. lat. 485 der Biblioteca Apostolica Vaticana: Ein Kleriker-Handbuch aus dem 9. Jahrhundert

Auf der ersten Seite des Codex Palatinus Latinus 485, der ca. 860-875 in Lorsch entstand und sich heute in der Vatikanischen Bibliothek befindet, hinterließ ein hoch- oder spätmittelalterlicher Leser die Bemerkung bonus liber (fol. 1r). Und tatsächlich liegt mit diesem Buch ein äußerst interessanter Zeuge für Aufgaben und Wirken Geistlicher im Mittelalter vor. Es enthält eine Auswahl an – wenigstens auf den ersten Blick sehr heterogenen – Texten: von spätantiken Konzilsbeschlüssen über vorkarolingische die Liturgie oder Seelsorge betreffende Schriften bis hin zu damals zeitgenössischen Werken kirchenrechtlicher Natur und vieles andere mehr.

Insbesondere bietet die Handschrift grundlegende Informationen zur Gottesdienstfeier und Sakramentenspende – vornehmlich zur Taufe – sowie zur Zeitbestimmung. Letztere war besonders wichtig, um die beweglichen kirchlichen Festtage im Jahreskreislauf zu ermitteln und um die unbeweglichen Termine festzuhalten und in saecula saeculorum feiern zu können, wie etwa den Tag der Überführung der Reliquien des heiligen Nazarius nach Lorsch: fol. 9r Aduentus sancti Nazarii in Lauresham zu V Id. Jul. (11. Juli). Hierzu diente ein Kalendar, dem astronomische Beitexte und Tafeln hinzugefügt wurden (foll. 4r-14r).

Für eine einheitliche Rechtspflege – nach damaligem Verständnis wohl eher zur Einhaltung des richtigen, gottgefälligen Rechts – mussten Kleriker mit den kirchlichen Bestimmungen vertraut sein. In Pal. lat. 485 wurden deshalb die Beschlüsse des Konzils von Nicaea aus dem Jahr 325 und bischöfliche Anordnungen des 9. Jh. zusammengestellt. Einen Übergang von diesen Canones bzw. Kapitularien stellen Bußbücher dar. Diese sind irisch-angelsächsischen Ursprungs und legen Bußen bzw. Strafen für einzelne Verfehlungen fest. Zur Bußpraxis gehörte auch die Beichte. Pal. lat. 485 enthält in einem Nachtrag aus dem letzten Viertel des 9. Jh. nicht nur ein lateinisches Beichtformular, sondern auch eine volkssprachliche Fassung mit einem vorgefertigten Beichttext, der wohl zum Nachsprechen bestimmt war: Es handelt sich hauptsächlich um eine reihende Aufzählung verschiedener Vergehen und ist geprägt durch das Bemühen um Vollständigkeit. Die althochdeutsche „Lorscher Beichte“ beginnt fol. 2v (in der 4. Zeile von unten) mit den Worten Ih gihu alamahtigen fater inti allen sinen sanctin inti desen uuihidon inti thir gotes manne allero minero sunteno … und schließt zwei Seiten später: … thaz druhdtin thuruh sino ginada giuuerdo mir farlazan allo mino sunda.

In weiteren, kleineren Nachträgen wurden Gesänge für den Gottesdienst auch mit ihren Melodien in Form von Neumen auf die Ränder von sechs Blättern geschrieben (foll. 101v, 102r, 106v, 109v/110r, 113v). Dies geschah wohl im 10. oder 11. Jh. Die im ursprünglichen Bestand der Handschrift zahlreich vorhandenen Messformulare bieten hingegen fast nur zu sprechende Gebete und wenige liturgische Gesänge. Allerdings sind im österlichen Exsultet-Gesang, fol. 48v in der 12. Zeile über O mira circa nos, Neumen notiert, die möglicherweise von der Hand des Schreibers des Textes stammen. Ist dieser Befund richtig, so enthielte die Handschrift einen der frühesten Belege für diese erst in den Jahrzehnten zuvor entwickelte musikalische Notation.

Mit Pal. lat. 485 liegt eine Sammelhandschrift sehr unterschiedlichen Inhalts vor, der sich über folgende Bereiche erstreckt: Liturgie, Sakramentenspendung und andere kirchliche Rituale, Katechese und Predigt, Komputistik, Medizin, Rechtswesen, Grundkenntnisse griechischer und hebräischer Vokabeln, Transkription des Griechischen und auch Kryptographie. Alle Texte weisen einen Bezug zu den Aufgaben Geistlicher auf. Der Codex könnte von Lorscher Mönchen für Weltkleriker oder zu deren Ausbildung kompiliert worden sein, die im Umfeld und auf den Besitzungen des Klosters Lorsch die dort ansässigen Menschen zu betreuen hatten. Zweck und Funktion solcher Handbücher werden die Studien von Carine van Rhijn (Univ. Utrecht) und Steffen Patzold (Univ. Tübingen) zum frühmittelalterlichen Eigenkirchenwesen weiter erhellen.