Archiv nach Autor: Michael Kautz

Elfenbeinerne Nazariustafel aus dem Museum August Kestner in Hannover

Das Museum August Kestner in Hannover verwahrt eine Elfenbeinschnitzerei des heiligen Nazarius, die in ottonischer Zeit, wohl Ende des 10. Jahrhunderts, angefertigt wurde und nun in der „Virtuellen Lorscher Klosterbibliothek“ online gestellt ist.

nazariustafel-hannoverDie 16,5 x 10 cm messende Tafel mit Palmettenrahmen zeigt einen Mann mit Heiligenschein und weist ihn mit der Siegespalme als Märtyrer aus. Im Redegestus steht er auf oder vor einer kleinen Arkadenreihe, die ihm als Sockel zu dienen scheint und vielleicht auch ein Gebäude oder einen Ort repräsentiert. Die Beischrift identifiziert ihn als S[AN]C[TV]S NAZARIVS.

Die Tafel zierte einst wohl die Buchdeckel einer liturgischen Prachthandschrift, vermutlich einer aus dem Lorscher Nazariuskloster. In Frage käme aber auch eine Kirche in Trier, wo Nazarius mit seinem Schüler Celsus im 3. Jahrhundert gewirkt haben soll. Wahrscheinlich wurde die zierliche Elfenbeinplatte unter Einfluss des sogenannten Meisters des Registrum Gregorii hergestellt, der im letzten Viertel des 10. Jahrhunderts in Trier als Buchmaler tätig war. Hier schuf er unter anderem ein Prachtsakramentar für Lorsch (heute Chantilly, Bibliothèque du château, Ms. 40), wo zu dieser Zeit Abt Salemann (972-999) die Kirche mit Goldschmiedearbeiten ausschmücken ließ und auch mehrere codices de monasterio sancti Nazarii mit edlen Prachteinbänden verzierte.

Hannover, Museum August Kestner
Inv.-Nr. 410
Elfenbeinerne Nazariustafel
Trier (?) oder Lorsch (?), ca. 4. Viertel 10. Jh.

Letzte Handschrift aus Österreich online

Ein Lorscher codex discissus zwischen Rheinland, Neckar, Vatikan, Schwarzwald, Lavanttaler Alpen und nun wieder vereint im WorldWideWeb

Mit Cod. 110/6 aus dem Archiv des Benediktinerstifts St. Paul im Lavanttal sind nun alle bekannten Lorscher Handschriften, welche heute in Österreich aufbewahrt werden, in die Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch integriert worden. Bei den Fragmentblättern aus Kärnten handelt es sich um das Ende eines Exemplars vom Tonar Bernos von der Reichenau, welches um die Mitte des 11. Jahrhunderts in Lorsch angefertigt wurde und der Oudalricus-peccator-Gruppe zugeordnet wird. Der Hauptteil des codex discissus, der zerteilten Handschrift, wird heute in der Biblioteca Apostolica Vaticana aufbewahrt (Vatikan, BAV, Pal. lat. 1344). Im Rahmen des Projektes konnten die beiden Teile nun mit Hilfe moderner Technik im Internet wieder zusammengeführt werden.

Der Tonar – eine nach den acht Kirchentonarten geordnete Zusammenstellung von Gesängen des gregorianischen Choralrepertoires – des Berno von der Reichenau († 1048) gehört mit seinem musiktheoretischen Prolog zu den meistüberlieferten Musiktraktaten des Mittelalters. Der Lorscher Codex entstand noch zu Lebzeiten des Autors oder nur kurze Zeit später. Über die Heidelberger Bibliotheca Palatina gelangte er 1623 in die vatikanische Bibliothek, wo er im 18. Jahrhundert die Aufmerkamkeit Martin Gerberts erregte. Der Fürstabt von St. Blasien im Schwarzwald (1764-1793) hat durch quellenbasierte historische Forschungen auf dem Gebiet der Kirchen- und Musikgeschichte seinen Namen bis heute bewahrt. Er ging jedoch nicht zimperlich vor und scheute auch nicht davor zurück, Blätter für spätere Studien aus ihrem Codex herauszureißen und unerlaubterweise an sich zu nehmen; seine bleibenden Verdienste gehen nicht allein zu Lasten des Diebstahls der neun Blätter aus dem Lorscher Tonar. Als das Kloster St. Blasien 1806 im Zuge der napoleonischen Umwälzungen aufgelöst wurde, suchte der Restkonvent eine neue Heimat, 1809 fand er mit einigem geretteten Habe, darunter auch einen Teil der Klosterbibliothek, einen Zufluchtsort in St. Paul im Lavanttal im habsburgischen Kärnten.

Ein weiteres Manuskript aus St. Paul im Lavanttal ist der Codex 8/1, der zwar nicht in Lorsch entstanden ist und auch nicht zum Bestand der Lorscher Klosterbibliothek gehörte, aber die sog. Lorscher Annalen – ein karolingerzeitliches Geschichtswerk, dessen Abfassung mit dem Kloster Lorsch in Verbindung gebracht wird – enthält. Ebenfalls digitalisiert wurde er in die Liste der „Weiteren Handschriften“ integriert, die als künftige Forschungsgrundlage die Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch ergänzen soll.


St. Paul i. Lavanttal, Stiftsarchiv

Cod. 110/6
Berno Augiensis
Tonarius (Fragment)
Lorsch, ca. Mitte 11. Jh.

Cod. 8/1 in der Liste „Weitere Handschriften“
Annales Laureshamenses
Reichenau, ca. 835

Fragm. III Severus: Einzigartiger Zeuge spätantiker Bibeldichtung aus der Stadtbibliothek Trier

Nach einem Eintrag in einem Lorscher Bibliothekskatalog (Vatikan, BAV, Pal. lat. 1877, fol. 31v) befand sich im 9. Jh. im dortigen Kloster eine Handschrift mit spätantiker Bibeldichtung von drei verschiedenen Autoren:

Metrum Seueri episcopi in euangelia, libri XII, eiusdem eglogas X, eiusdem Georgicon, libri IIII; metrum Cresconii in euangelia, liber I, eiusdem de diis gentium luculentissimum carmen, eiusdem uersus de principio mundi uel de die iudicii et resurrectione carnis; metrum Aratoris in actibus apostolorum, libri II; in uno codice.

Die versifizierte Apostelgeschichte des Arator (6. Jh.) war mittelalterliche Schullektüre und ist in zahlreichen Handschriften erhalten. Die drei genannten Werke des Cresconius hingegen sind verlorengegangen, auch die Identität des Autors ist nicht geklärt. Bei Severus handelt es sich wahrscheinlich um den 602 verstorbenen Bischof von Málaga; von den Eklogen und dem Georgicon ist nichts überliefert, seine Evangeliendichtung wäre ohne die in der Trierer Stadtbibliothek aufbewahrten Fragmente ebenfalls vollständig verloren.

Vermutlich handelte es sich bei dem um 860 im Lorscher Katalog verzeichneten Codex um die Handschrift, von der heute nur noch drei verschmutzte und verblasste Doppelblätter in der Stadtbibliothek Trier unter der Signatur Fragm. III Severus erhalten sind. Das Manuskript entstand um die Mitte des 9. Jh., an welchem Ort, ist unbekannt. Spätestens seit der Barockzeit befanden sich zumindest die erhaltenen Fragmente in Trier. Dort wurden sie 1967 von Bernhard Bischoff entdeckt, 1994 von Otto Zwierlein und anderen beschrieben und der Text herausgegeben. Die sechs Blätter enthalten das Ende des 8., das komplette 9. und den Anfang des 10. der zwölf Bücher Evangeliendichtung des Severus. Mit knapp 720 Versen sind sie die einzigen direkten Zeugen für das literarische Werk des mutmaßlichen Bischofs von der iberischen Halbinsel.

Die Trierer Fragmentblätter erinnern außerdem an weitere altchristliche Dichter und Autoren der Kirchenväterzeit, deren Werke nach Ausweis der alten Bibliothekskataloge im 9. Jh. zahlreich in Lorsch vertreten waren, heute aber zum Teil gänzlich verschollen sind.

Ausstellung: Hatto I. Erzbischof von Mainz (891-913). Von der Reichenau in den Mäuseturm

Im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz wird vom 17. Mai bis zum 11. August 2013 die Sonderausstellung Glanz der späten Karolinger. Hatto I. Erzbischof von Mainz (891-913). Von der Reichenau in den Mäuseturm gezeigt. „Kaum eine andere Persönlichkeit des frühen Mittelalters wird so schillernd beschrieben wie er: Hatto I. …“ >>> mehr <<<

Hatto war von 901 bis zu seinem Tod 913 auch Abt des Klosters Lorsch. In einem Lorscher Sakramentarfragment ist bald nach seinem Tod Hattos Name neben dem eucharistischen Hochgebet notiert worden, um seiner während der Gottesdienstfeier zu gedenken. Die digitale Reproduktion dieses Fragments, heute im Besitz der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg (Ms. 2000), wurde bereits in die Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch integriert. In Mainz ist nun vorübergehend neben zahlreichen weiteren Ausstellungsstücken aus spätkarolingischer Zeit das Original zu sehen.

Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Mainz
Domstraße 3
55116 Mainz
Öffnungszeiten
 

„Carolingian Culture at Reichenau & St. Gall“ – Karolingische Handschriften aus dem Bodenseeraum

Von 2004 bis 2008 entstand an der University of California in Los Angeles, gefördert von der Andrew W. Mellon Foundation, eine digitale Publikation des berühmten, etwa in den 820er Jahren entstandenen „St. Galler Klosterplans“ mit dem Grundriss eines karolingischen Idealklosters. Im Anschluss begann man, eine Auswahl von 169 karolingerzeitlichen Handschriften aus dem ehemaligen Bibliotheksbestand von St. Gallen und aus dem benachbarten Kloster auf der Bodenseeinsel Reichenau in einer virtuellen Bibliothek zusammenzustellen, um den kulturellen Hintergrund des Klosterplans sichtbar und erforschbar zu machen.

Die virtuelle Bibliothek bietet mittlerweile digitale Reproduktionen aller 169 Handschriften, deren Hauptteil aus der Stiftsbibliothek St. Gallen und der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe stammt. Die Digitalisate werden mit kodikologischen Erschließungsinformationen (Entstehungsort und -zeit, Aufbau des Buches und Anlage der Seite) sowie Daten zum Inhalt angereichert und die Texte in ihrer Struktur bis auf Kapitelebene erschlossen. Hinzu treten Angaben und manchmal auch direkte Links zu modernen Textausgaben und Übersetzungen sowie Links zu Literaturdatenbanken und mediävistischen Fachlexika. Über eine Recherchemaske können die erhobenen Metadaten zum Inhalt – teils frei, teils gezielt nach ausgewählten Kategorien – durchsucht werden. Einen leichten Einstieg in die Lektüre einiger Handschriften (z.B. St. Gallen, Stiftsbibl., Cod. 914) gewähren die hinzugefügten „Transkriptionen“, auch wenn diese nicht die jeweilige Handschriftenvorlage abbilden, sondern einer modernen Textausgabe entnommen sind. Für Anfänger interessant ist eine kurze Einführung zum Lesen karolingischer Handschriften, auch für Fortgeschrittene aufschlussreich sind die Hintergrundtexte („Tours“ oder „Virtual Exhibitions“ genannt) zu den Bibliotheken und zur Buchproduktion in den beiden Klöstern aus dem Bodenseegebiet.

Die unter dem Titel „Carolingian Culture at Reichenau & St. Gall. The Carolingian Libraries of St. Gall and Reichenau“ laufende virtuelle Bibliothek zielt zwar nicht auf eine digitale Reproduktion und Erschließung sämtlicher erhaltener Handschriften aus St. Gallen und von der Reichenau. Durch den Schwerpunkt, den die karolingerzeitlichen unter den Lorscher Manuskripten bilden, und die Zielsetzung, relevante Corpora Wissenschaftlern wie weiteren Interessierten zugänglich zu machen, sind beide Projekte aber dennoch miteinander verbunden. Insbesondere die technische Umsetzung des UCLA-Projektes, Digitalisate, Metadaten und Transkriptionen nicht nur zu verlinken, sondern auf einer Browser-Seite gemeinsam darzustellen, zeigt Zukunftsperspektiven bis hin zu digitalen Editionen auf.

„Lorscher Evangeliar“ – virtuell wieder vereint

Im Rahmen des Projektes „Bibliotheca Laureshamensis – digital“ konnte nun auch das in vier Teile zerlegte „Lorscher Evangeliar“ virtuell wieder vereint werden. Die karolingische Pergamenthandschrift, die um 810 in der sogenannten Hofschule Karls des Großen entstand, gilt als eine Zimelie unter den Lorscher, ja sogar als eine der schönsten aller frühmittelalterlichen Handschriften. Sie ist fast vollständig in Goldtinte geschrieben, und jede Seite ist mit einem eigenen, kunstvoll und detailreich gestalteten Rahmen geschmückt. Besonders bemerkenswert sind die vier Evangelistenbilder (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) sowie die beiden Christusillustrationen (Christus mit Vorfahren und thronender Christus). Der Vorderdeckel und der Hinterdeckel des Einbandes wurden jeweils mit filigran geschnitzten Elfenbeintafeln verziert: vorn war die sogenannte Marientafel angebracht, hinten die Christustafel.

Die Handschrift war bald nach ihrer Entstehung in das Kloster Lorsch gelangt, wo sie über das gesamte Mittelalter hinweg aufbewahrt wurde. Dies bezeugt eine Notiz zur Neubindung des Codex im Jahr 1479 unter dem Lorscher Propst Eberhard von Wasen (Vatikan, BAV, Pal. lat. 50, fol. 124bv). Es ist zu vermuten, dass die Handschrift im Zuge dieser Neubindung in zwei Hälften – Matthäus und Markus, Lukas und Johannes – geteilt wurde. In der Mitte des 16. Jahrhunderts gelangte das „Lorscher Evangeliar“ unter Kurfürst Ottheinrich von der Pfalz aus dem Kloster Lorsch nach Heidelberg in die Bibliotheca Palatina und von dort während des Dreißigjährigen Krieges in die Biblioteca Apostolica Vaticana nach Rom. Hier wird noch heute der zweite Teil des „Lorscher Evangeliars“ mit den Evangelien nach Lukas und Johannes zusammen mit der Christustafel aus Elfenbein aufbewahrt (Pal. lat. 50). Aus Rom gelangte der erste Teil des Evangeliars auf fast unbekanntem Wege nach Alba Iulia, in eine Filiale der rumänischen Nationalbibliothek (Ms R II 1). Die elfenbeinerne Marientafel war spätestens 1785 vom Einband entfernt worden und befindet sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts in England, heute im Londoner Victoria and Albert Museum (Inv.-Nr. 138-1866).

Das komplette „Lorscher Evangeliar“ kann nun in allen seinen vier heutigen Einzelteilen auf der Website „Bibliotheca Laureshamensis – digital“ angesehen und durchblättert werden.

Kein Ende für die Erforschung des Lorscher Buchwesens

Die Virtuelle Klosterbibliothek Lorsch beruht auf den Studien der Paläographen Bernhard Bischoff und Hartmut Hoffmann. Um weitere Forschungen zu fördern, werden jedoch darüber hinaus Manuskripte, die von anderen Wissenschaftlern mit Lorsch in Verbindung gebracht wurden oder auch bloß einen reinen inhaltlichen Bezug zum alten Reichskloster aufweisen, in einer Liste unter dem Arbeitstitel „Weitere Handschriften“ aufgeführt.

Auch von diesen Handschriften konnten im Rahmen des Projektes einige digitalisiert werden. Darunter befinden sich bemerkenswerte Stücke wie ein bald nach 800 vermutlich in Alemannien angefertigtes schmales Büchlein mit den „Annales Laureshamenses“, in denen unter anderem über die Kaiserkrönung Karls des Großen berichtet wird (Wien, ÖNB, Cod. 515), der prächtig illustrierte „Psalter Ludwigs des Deutschen“ aus dem 9. Jh. (Berlin, SBB-PK, Ms. theol. lat. fol. 58), ein Kalendar, das in demselben Jahrhundert im Moselraum entstand und dessen Vorlage wohl eine Lorscher Handschrift war (Berlin, SBB-PK, Ms. Phillipps 1869), die Liste mit den Namen von Lorscher Mönchen aus dem „Reichenauer Verbrüderungsbuch“ ebenfalls des 9. Jh. (Zürich, ZB, Ms. Rh. hist. 27, fol. 40v) oder der Teil mit dem hagiographischen Dossier zum heiligen Nazarius aus einem Legendar des Bartholomäusstifts in Frankfurt aus dem Jahr 1356 (Frankfurt a.M., UB, Ms. Barth. 3, foll. 83ra-88va).

>>> Weitere Handschriften

Die Liste beruht zum größten Teil auf Zufallsfunden, die aus der laufenden Projektarbeit resultieren. Es wurde weder systematisch gesucht noch konnte Vollständigkeit angestrebt werden. Inwieweit die Zusammenstellung weiter ausgebaut und in der Folge untergliedert werden kann, ist derzeit noch nicht abzusehen. Meldungen über weitere nach Lorsch zu lokalisierende Handschriften sind ausdrücklich willkommen.

Zeugen antiker Medizin aus der Ratsschulbibliothek Zwickau

In der Ratsschulbibliothek in Zwickau werden neben anderen Schätzen vier Pergamentblätter (Fragm. CL a+b) aus dem 9. Jh. aufbewahrt. Aufschriften, Faltspuren und Verschmutzungen zeugen von ihrer Verwendung als Einbandhüllen seit der frühen Neuzeit. Der Autor des hier erhaltenen Textes, Caelius Aurelianus, stammte aus der römischen Provinz Africa proconsularis, heute im nördlichen Tunesien, und lebte um das Jahr 400. Vollständig bekannt sind nur seine acht Bücher über akute und chronische Krankheiten. Dadurch, dass seine Schriften hauptsächlich auf dem griechischen Arzt Soranos von Ephesos (um 100) aufbauen, gibt er uns Kunde von der antiken Heilkunst aus noch älterer Zeit.

Die Fragmente, die sich in Zwickau erhalten haben, bieten das 4. bis 10. Kapitel des 5. Buches über die chronischen Krankheiten. Sie sind beschrieben in karolingischer Minuskel, in einem Stil, wie er in der 1. Hälfte des 9. Jh. im Kloster St. Vaast im nordfranzösischen Arras und für ein oder zwei Jahrzehnte auch in Lorsch in Gebrauch war. Die Lorscher Provenienz des selten überlieferten Caelius ist durch die Verzeichnung in drei der vier Lorscher Bibliothekskatalogen des 9. Jh. gesichert. Von hier bezog der Humanist Johannes Sichardus zu Beginn des 16. Jh. das noch unzerstörte Manuskript für seine gedruckte Ausgabe des Werkes, die 1529 in Basel erschien. Sichardus war zwar ein erfahrener Herausgeber antiker Autoren, aber kein medizinischer Fachmann. Zur Seite stand ihm der Arzt und Philologe Janus Cornarius. Vermutlich mit Cornarius gelangte die Handschrift in dessen Heimatstadt Zwickau, wo er mehrere Jahre als Stadtarzt tätig war, und später in den Besitz von Paul Obermeyer, 1575-1589 Rektor der Ratsschule in Zwickau. Vielleicht handelte es sich jedoch bereits nur noch um die makulierten Reste, zumindest die beiden erhaltenen Doppelblätter dienten als Koperteinbände für zwei Bücher aus dem Besitz Obermeyers. 1921 bzw. 1922 entdeckte Otto Clemen, Bibliothekar der Ratsschulbibliothek, die beiden Fragmente.

Die Zwickauer Überreste des aus Lorsch stammenden Codex sind die einzigen erhaltenen handschriftlichen Überlieferungszeugen eines der umfangreichsten medizinischen Texte aus der Antike und zeugen zugleich von der häufigen Missachtung der Humanisten gegenüber ihren handschriftlichen Quellen aus früherer Zeit, sobald die Druckausgabe erschienen war.

Trierer „Virtuelles Skriptorium St. Matthias“

In loser Folge werden zukünftig an dieser Stelle Digitalisierungsprojekte zu mittelalterlichen Handschriften vorgestellt. Der „Bibliotheca Laureshamensis – digital“ in Ziel- und Umsetzung am stärksten verwandt ist das „Virtuelle Skriptorium St. Matthias“, weshalb damit begonnen werden soll.

Das von der Universität Trier und der Stadtbibliothek Trier gemeinsam getragene und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, alle erhaltenen Handschriften aus der Bibliothek des ehemaligen Klosters St. Eucharius-St. Matthias bei Trier virtuell wieder zusammenzuführen. Die Anfänge des Klosters reichen bis in die Spätantike zurück. Nachdem es zunächst unter dem Patrozinium des vermutlich ersten Trierer Bischofs Eucharius (3. Jh.) stand, nahm die Abtei im 12. Jh. den Apostel Matthias als Schutzpatron an, dessen Gebeine unter Kaiser Konstantin d.Gr. (306-337) nach Trier überführt worden sein sollen und hier 1127 aufgefunden wurden. Im Gefolge der Besatzung des erzbischöflichen Sitzes und Zentrums des geistlichen Kurfürstentums Trier durch französische Revolutionstruppen wurde St. Matthias im Jahr 1802 aufgelöst. Die bereits im 9. Jh. in einzelnen Quellen fassbare Bibliothek wurde beschlagnahmt, zahlreiche Codices gelangten so an neue Besitzer. Die meisten, ca. 400 Manuskripte, verblieben jedoch bis heute in Trier und sind im Besitz der dortigen Stadtbibliothek und der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars. Die restlichen 100 Handschriften sind auf knapp 25 Institutionen in Europa und den USA verstreut.

Im Rahmen des Projektes werden alle 500 Handschriften, die auf der Grundlage der 1996 publizierten Studie „Die Benediktinerabtei St. Eucharius-St. Matthias vor Trier“ von Petrus Becker ermittelt werden können, digital reproduziert und erschlossen. Die Manuskriptbeschreibungen, die über eine Datenbank für die wissenschaftliche Nutzung zur Verfügung gestellt werden, sind als fortlaufend zu ergänzende Dokumentationen konzipiert. Die virtuelle Rekonstruktion der Bibliothek von St. Matthias soll bis Ende 2013 abgeschlossen sein, bis Anfang November 2012 konnten bereits mehr als 200 Handschriften integriert werden. Weitere Features wie z.B. die Präsentation der „Handschrift des Monats“ ergänzen das Angebot und sollen es einem breiteren Publikum zugänglich machen.

Die bekannteste Handschrift aus St. Matthias ist die „Trierer Apokalypse“ (Trier, StB, Hs. 31 8°). Sie entstand Anfang des 9. Jh. in einem westfränkischen Zentrum, möglicherweise im Umkreis von Tours; teilweise wurden Passagen im 11. Jh. im Skriptorium von St. Eucharius neu geschrieben. Der Codex enthält neben dem neutestamentlichen Text zu jeder Doppelseite eine ganzseitige Miniatur – mit insgesamt 74 Illustrationen ist hier der umfangreichste und zugleich älteste erhaltene Bilderzyklus zur Offenbarung des Johannes überliefert. Die Illustrationen beruhen auf einer spätantiken Vorlage, Verbindungen zur karolingischen Buchkunst bestehen unter anderem in Analogien zu den runden Gesichtern mit weit geöffneten Augen auf den Elfenbeintafeln des „Lorscher Evangeliars“.

Codex Pal. lat. 485 der Biblioteca Apostolica Vaticana: Ein Kleriker-Handbuch aus dem 9. Jahrhundert

Auf der ersten Seite des Codex Palatinus Latinus 485, der ca. 860-875 in Lorsch entstand und sich heute in der Vatikanischen Bibliothek befindet, hinterließ ein hoch- oder spätmittelalterlicher Leser die Bemerkung bonus liber (fol. 1r). Und tatsächlich liegt mit diesem Buch ein äußerst interessanter Zeuge für Aufgaben und Wirken Geistlicher im Mittelalter vor. Es enthält eine Auswahl an – wenigstens auf den ersten Blick sehr heterogenen – Texten: von spätantiken Konzilsbeschlüssen über vorkarolingische die Liturgie oder Seelsorge betreffende Schriften bis hin zu damals zeitgenössischen Werken kirchenrechtlicher Natur und vieles andere mehr.

Insbesondere bietet die Handschrift grundlegende Informationen zur Gottesdienstfeier und Sakramentenspende – vornehmlich zur Taufe – sowie zur Zeitbestimmung. Letztere war besonders wichtig, um die beweglichen kirchlichen Festtage im Jahreskreislauf zu ermitteln und um die unbeweglichen Termine festzuhalten und in saecula saeculorum feiern zu können, wie etwa den Tag der Überführung der Reliquien des heiligen Nazarius nach Lorsch: fol. 9r Aduentus sancti Nazarii in Lauresham zu V Id. Jul. (11. Juli). Hierzu diente ein Kalendar, dem astronomische Beitexte und Tafeln hinzugefügt wurden (foll. 4r-14r).

Für eine einheitliche Rechtspflege – nach damaligem Verständnis wohl eher zur Einhaltung des richtigen, gottgefälligen Rechts – mussten Kleriker mit den kirchlichen Bestimmungen vertraut sein. In Pal. lat. 485 wurden deshalb die Beschlüsse des Konzils von Nicaea aus dem Jahr 325 und bischöfliche Anordnungen des 9. Jh. zusammengestellt. Einen Übergang von diesen Canones bzw. Kapitularien stellen Bußbücher dar. Diese sind irisch-angelsächsischen Ursprungs und legen Bußen bzw. Strafen für einzelne Verfehlungen fest. Zur Bußpraxis gehörte auch die Beichte. Pal. lat. 485 enthält in einem Nachtrag aus dem letzten Viertel des 9. Jh. nicht nur ein lateinisches Beichtformular, sondern auch eine volkssprachliche Fassung mit einem vorgefertigten Beichttext, der wohl zum Nachsprechen bestimmt war: Es handelt sich hauptsächlich um eine reihende Aufzählung verschiedener Vergehen und ist geprägt durch das Bemühen um Vollständigkeit. Die althochdeutsche „Lorscher Beichte“ beginnt fol. 2v (in der 4. Zeile von unten) mit den Worten Ih gihu alamahtigen fater inti allen sinen sanctin inti desen uuihidon inti thir gotes manne allero minero sunteno … und schließt zwei Seiten später: … thaz druhdtin thuruh sino ginada giuuerdo mir farlazan allo mino sunda.

In weiteren, kleineren Nachträgen wurden Gesänge für den Gottesdienst auch mit ihren Melodien in Form von Neumen auf die Ränder von sechs Blättern geschrieben (foll. 101v, 102r, 106v, 109v/110r, 113v). Dies geschah wohl im 10. oder 11. Jh. Die im ursprünglichen Bestand der Handschrift zahlreich vorhandenen Messformulare bieten hingegen fast nur zu sprechende Gebete und wenige liturgische Gesänge. Allerdings sind im österlichen Exsultet-Gesang, fol. 48v in der 12. Zeile über O mira circa nos, Neumen notiert, die möglicherweise von der Hand des Schreibers des Textes stammen. Ist dieser Befund richtig, so enthielte die Handschrift einen der frühesten Belege für diese erst in den Jahrzehnten zuvor entwickelte musikalische Notation.

Mit Pal. lat. 485 liegt eine Sammelhandschrift sehr unterschiedlichen Inhalts vor, der sich über folgende Bereiche erstreckt: Liturgie, Sakramentenspendung und andere kirchliche Rituale, Katechese und Predigt, Komputistik, Medizin, Rechtswesen, Grundkenntnisse griechischer und hebräischer Vokabeln, Transkription des Griechischen und auch Kryptographie. Alle Texte weisen einen Bezug zu den Aufgaben Geistlicher auf. Der Codex könnte von Lorscher Mönchen für Weltkleriker oder zu deren Ausbildung kompiliert worden sein, die im Umfeld und auf den Besitzungen des Klosters Lorsch die dort ansässigen Menschen zu betreuen hatten. Zweck und Funktion solcher Handbücher werden die Studien von Carine van Rhijn (Univ. Utrecht) und Steffen Patzold (Univ. Tübingen) zum frühmittelalterlichen Eigenkirchenwesen weiter erhellen.