Fragm. III Severus: Einzigartiger Zeuge spätantiker Bibeldichtung aus der Stadtbibliothek Trier

Nach einem Eintrag in einem Lorscher Bibliothekskatalog (Vatikan, BAV, Pal. lat. 1877, fol. 31v) befand sich im 9. Jh. im dortigen Kloster eine Handschrift mit spätantiker Bibeldichtung von drei verschiedenen Autoren:

Metrum Seueri episcopi in euangelia, libri XII, eiusdem eglogas X, eiusdem Georgicon, libri IIII; metrum Cresconii in euangelia, liber I, eiusdem de diis gentium luculentissimum carmen, eiusdem uersus de principio mundi uel de die iudicii et resurrectione carnis; metrum Aratoris in actibus apostolorum, libri II; in uno codice.

Die versifizierte Apostelgeschichte des Arator (6. Jh.) war mittelalterliche Schullektüre und ist in zahlreichen Handschriften erhalten. Die drei genannten Werke des Cresconius hingegen sind verlorengegangen, auch die Identität des Autors ist nicht geklärt. Bei Severus handelt es sich wahrscheinlich um den 602 verstorbenen Bischof von Málaga; von den Eklogen und dem Georgicon ist nichts überliefert, seine Evangeliendichtung wäre ohne die in der Trierer Stadtbibliothek aufbewahrten Fragmente ebenfalls vollständig verloren.

Vermutlich handelte es sich bei dem um 860 im Lorscher Katalog verzeichneten Codex um die Handschrift, von der heute nur noch drei verschmutzte und verblasste Doppelblätter in der Stadtbibliothek Trier unter der Signatur Fragm. III Severus erhalten sind. Das Manuskript entstand um die Mitte des 9. Jh., an welchem Ort, ist unbekannt. Spätestens seit der Barockzeit befanden sich zumindest die erhaltenen Fragmente in Trier. Dort wurden sie 1967 von Bernhard Bischoff entdeckt, 1994 von Otto Zwierlein und anderen beschrieben und der Text herausgegeben. Die sechs Blätter enthalten das Ende des 8., das komplette 9. und den Anfang des 10. der zwölf Bücher Evangeliendichtung des Severus. Mit knapp 720 Versen sind sie die einzigen direkten Zeugen für das literarische Werk des mutmaßlichen Bischofs von der iberischen Halbinsel.

Die Trierer Fragmentblätter erinnern außerdem an weitere altchristliche Dichter und Autoren der Kirchenväterzeit, deren Werke nach Ausweis der alten Bibliothekskataloge im 9. Jh. zahlreich in Lorsch vertreten waren, heute aber zum Teil gänzlich verschollen sind.

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