Zeugen antiker Medizin aus der Ratsschulbibliothek Zwickau

In der Ratsschulbibliothek in Zwickau werden neben anderen Schätzen vier Pergamentblätter (Fragm. CL a+b) aus dem 9. Jh. aufbewahrt. Aufschriften, Faltspuren und Verschmutzungen zeugen von ihrer Verwendung als Einbandhüllen seit der frühen Neuzeit. Der Autor des hier erhaltenen Textes, Caelius Aurelianus, stammte aus der römischen Provinz Africa proconsularis, heute im nördlichen Tunesien, und lebte um das Jahr 400. Vollständig bekannt sind nur seine acht Bücher über akute und chronische Krankheiten. Dadurch, dass seine Schriften hauptsächlich auf dem griechischen Arzt Soranos von Ephesos (um 100) aufbauen, gibt er uns Kunde von der antiken Heilkunst aus noch älterer Zeit.

Die Fragmente, die sich in Zwickau erhalten haben, bieten das 4. bis 10. Kapitel des 5. Buches über die chronischen Krankheiten. Sie sind beschrieben in karolingischer Minuskel, in einem Stil, wie er in der 1. Hälfte des 9. Jh. im Kloster St. Vaast im nordfranzösischen Arras und für ein oder zwei Jahrzehnte auch in Lorsch in Gebrauch war. Die Lorscher Provenienz des selten überlieferten Caelius ist durch die Verzeichnung in drei der vier Lorscher Bibliothekskatalogen des 9. Jh. gesichert. Von hier bezog der Humanist Johannes Sichardus zu Beginn des 16. Jh. das noch unzerstörte Manuskript für seine gedruckte Ausgabe des Werkes, die 1529 in Basel erschien. Sichardus war zwar ein erfahrener Herausgeber antiker Autoren, aber kein medizinischer Fachmann. Zur Seite stand ihm der Arzt und Philologe Janus Cornarius. Vermutlich mit Cornarius gelangte die Handschrift in dessen Heimatstadt Zwickau, wo er mehrere Jahre als Stadtarzt tätig war, und später in den Besitz von Paul Obermeyer, 1575-1589 Rektor der Ratsschule in Zwickau. Vielleicht handelte es sich jedoch bereits nur noch um die makulierten Reste, zumindest die beiden erhaltenen Doppelblätter dienten als Koperteinbände für zwei Bücher aus dem Besitz Obermeyers. 1921 bzw. 1922 entdeckte Otto Clemen, Bibliothekar der Ratsschulbibliothek, die beiden Fragmente.

Die Zwickauer Überreste des aus Lorsch stammenden Codex sind die einzigen erhaltenen handschriftlichen Überlieferungszeugen eines der umfangreichsten medizinischen Texte aus der Antike und zeugen zugleich von der häufigen Missachtung der Humanisten gegenüber ihren handschriftlichen Quellen aus früherer Zeit, sobald die Druckausgabe erschienen war.

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