Trierer „Virtuelles Skriptorium St. Matthias“

In loser Folge werden zukünftig an dieser Stelle Digitalisierungsprojekte zu mittelalterlichen Handschriften vorgestellt. Der „Bibliotheca Laureshamensis – digital“ in Ziel- und Umsetzung am stärksten verwandt ist das „Virtuelle Skriptorium St. Matthias“, weshalb damit begonnen werden soll.

Das von der Universität Trier und der Stadtbibliothek Trier gemeinsam getragene und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, alle erhaltenen Handschriften aus der Bibliothek des ehemaligen Klosters St. Eucharius-St. Matthias bei Trier virtuell wieder zusammenzuführen. Die Anfänge des Klosters reichen bis in die Spätantike zurück. Nachdem es zunächst unter dem Patrozinium des vermutlich ersten Trierer Bischofs Eucharius (3. Jh.) stand, nahm die Abtei im 12. Jh. den Apostel Matthias als Schutzpatron an, dessen Gebeine unter Kaiser Konstantin d.Gr. (306-337) nach Trier überführt worden sein sollen und hier 1127 aufgefunden wurden. Im Gefolge der Besatzung des erzbischöflichen Sitzes und Zentrums des geistlichen Kurfürstentums Trier durch französische Revolutionstruppen wurde St. Matthias im Jahr 1802 aufgelöst. Die bereits im 9. Jh. in einzelnen Quellen fassbare Bibliothek wurde beschlagnahmt, zahlreiche Codices gelangten so an neue Besitzer. Die meisten, ca. 400 Manuskripte, verblieben jedoch bis heute in Trier und sind im Besitz der dortigen Stadtbibliothek und der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars. Die restlichen 100 Handschriften sind auf knapp 25 Institutionen in Europa und den USA verstreut.

Im Rahmen des Projektes werden alle 500 Handschriften, die auf der Grundlage der 1996 publizierten Studie „Die Benediktinerabtei St. Eucharius-St. Matthias vor Trier“ von Petrus Becker ermittelt werden können, digital reproduziert und erschlossen. Die Manuskriptbeschreibungen, die über eine Datenbank für die wissenschaftliche Nutzung zur Verfügung gestellt werden, sind als fortlaufend zu ergänzende Dokumentationen konzipiert. Die virtuelle Rekonstruktion der Bibliothek von St. Matthias soll bis Ende 2013 abgeschlossen sein, bis Anfang November 2012 konnten bereits mehr als 200 Handschriften integriert werden. Weitere Features wie z.B. die Präsentation der „Handschrift des Monats“ ergänzen das Angebot und sollen es einem breiteren Publikum zugänglich machen.

Die bekannteste Handschrift aus St. Matthias ist die „Trierer Apokalypse“ (Trier, StB, Hs. 31 8°). Sie entstand Anfang des 9. Jh. in einem westfränkischen Zentrum, möglicherweise im Umkreis von Tours; teilweise wurden Passagen im 11. Jh. im Skriptorium von St. Eucharius neu geschrieben. Der Codex enthält neben dem neutestamentlichen Text zu jeder Doppelseite eine ganzseitige Miniatur – mit insgesamt 74 Illustrationen ist hier der umfangreichste und zugleich älteste erhaltene Bilderzyklus zur Offenbarung des Johannes überliefert. Die Illustrationen beruhen auf einer spätantiken Vorlage, Verbindungen zur karolingischen Buchkunst bestehen unter anderem in Analogien zu den runden Gesichtern mit weit geöffneten Augen auf den Elfenbeintafeln des „Lorscher Evangeliars“.

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