Codex Pal. lat. 485 der Biblioteca Apostolica Vaticana: Ein Kleriker-Handbuch aus dem 9. Jahrhundert

Auf der ersten Seite des Codex Palatinus Latinus 485, der ca. 860-875 in Lorsch entstand und sich heute in der Vatikanischen Bibliothek befindet, hinterließ ein hoch- oder spätmittelalterlicher Leser die Bemerkung bonus liber (fol. 1r). Und tatsächlich liegt mit diesem Buch ein äußerst interessanter Zeuge für Aufgaben und Wirken Geistlicher im Mittelalter vor. Es enthält eine Auswahl an – wenigstens auf den ersten Blick sehr heterogenen – Texten: von spätantiken Konzilsbeschlüssen über vorkarolingische die Liturgie oder Seelsorge betreffende Schriften bis hin zu damals zeitgenössischen Werken kirchenrechtlicher Natur und vieles andere mehr.

Insbesondere bietet die Handschrift grundlegende Informationen zur Gottesdienstfeier und Sakramentenspende – vornehmlich zur Taufe – sowie zur Zeitbestimmung. Letztere war besonders wichtig, um die beweglichen kirchlichen Festtage im Jahreskreislauf zu ermitteln und um die unbeweglichen Termine festzuhalten und in saecula saeculorum feiern zu können, wie etwa den Tag der Überführung der Reliquien des heiligen Nazarius nach Lorsch: fol. 9r Aduentus sancti Nazarii in Lauresham zu V Id. Jul. (11. Juli). Hierzu diente ein Kalendar, dem astronomische Beitexte und Tafeln hinzugefügt wurden (foll. 4r-14r).

Für eine einheitliche Rechtspflege – nach damaligem Verständnis wohl eher zur Einhaltung des richtigen, gottgefälligen Rechts – mussten Kleriker mit den kirchlichen Bestimmungen vertraut sein. In Pal. lat. 485 wurden deshalb die Beschlüsse des Konzils von Nicaea aus dem Jahr 325 und bischöfliche Anordnungen des 9. Jh. zusammengestellt. Einen Übergang von diesen Canones bzw. Kapitularien stellen Bußbücher dar. Diese sind irisch-angelsächsischen Ursprungs und legen Bußen bzw. Strafen für einzelne Verfehlungen fest. Zur Bußpraxis gehörte auch die Beichte. Pal. lat. 485 enthält in einem Nachtrag aus dem letzten Viertel des 9. Jh. nicht nur ein lateinisches Beichtformular, sondern auch eine volkssprachliche Fassung mit einem vorgefertigten Beichttext, der wohl zum Nachsprechen bestimmt war: Es handelt sich hauptsächlich um eine reihende Aufzählung verschiedener Vergehen und ist geprägt durch das Bemühen um Vollständigkeit. Die althochdeutsche „Lorscher Beichte“ beginnt fol. 2v (in der 4. Zeile von unten) mit den Worten Ih gihu alamahtigen fater inti allen sinen sanctin inti desen uuihidon inti thir gotes manne allero minero sunteno … und schließt zwei Seiten später: … thaz druhdtin thuruh sino ginada giuuerdo mir farlazan allo mino sunda.

In weiteren, kleineren Nachträgen wurden Gesänge für den Gottesdienst auch mit ihren Melodien in Form von Neumen auf die Ränder von sechs Blättern geschrieben (foll. 101v, 102r, 106v, 109v/110r, 113v). Dies geschah wohl im 10. oder 11. Jh. Die im ursprünglichen Bestand der Handschrift zahlreich vorhandenen Messformulare bieten hingegen fast nur zu sprechende Gebete und wenige liturgische Gesänge. Allerdings sind im österlichen Exsultet-Gesang, fol. 48v in der 12. Zeile über O mira circa nos, Neumen notiert, die möglicherweise von der Hand des Schreibers des Textes stammen. Ist dieser Befund richtig, so enthielte die Handschrift einen der frühesten Belege für diese erst in den Jahrzehnten zuvor entwickelte musikalische Notation.

Mit Pal. lat. 485 liegt eine Sammelhandschrift sehr unterschiedlichen Inhalts vor, der sich über folgende Bereiche erstreckt: Liturgie, Sakramentenspendung und andere kirchliche Rituale, Katechese und Predigt, Komputistik, Medizin, Rechtswesen, Grundkenntnisse griechischer und hebräischer Vokabeln, Transkription des Griechischen und auch Kryptographie. Alle Texte weisen einen Bezug zu den Aufgaben Geistlicher auf. Der Codex könnte von Lorscher Mönchen für Weltkleriker oder zu deren Ausbildung kompiliert worden sein, die im Umfeld und auf den Besitzungen des Klosters Lorsch die dort ansässigen Menschen zu betreuen hatten. Zweck und Funktion solcher Handbücher werden die Studien von Carine van Rhijn (Univ. Utrecht) und Steffen Patzold (Univ. Tübingen) zum frühmittelalterlichen Eigenkirchenwesen weiter erhellen.

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