Neue Handschriftenbeschreibungen online: Das „Lorscher Arzneibuch“ und andere Codices Laureshamenses aus der Staatsbibliothek Bamberg

Fünf ehemalige Lorscher Handschriften befinden sich heute in der Staatsbibliothek Bamberg. Zu allen stehen nun wissenschaftliche Beschreibungen als PDF-Datei in der Online-Präsentation der Handschriften zur Verfügung. Außerdem sind sie über die Projekt-Datenbank recherchierbar.

Nicht nur im Falle des berühmten „Lorscher Arzneibuchs“ handelt sich bei den fünf Codices um bedeutende Textzeugen und wichtige Dokumente der Lorscher Bibliotheks- und Schriftgeschichte:

  • Msc. Bibl. 37: Origenes (185/86-254), Homiliae in librum Iudicum (Lorsch, ca. 2. Viertel 9. Jh.)
  • Msc. Bibl. 93: Evangeliar (Lorsch, ca. 2. Viertel 9. Jh.)
  • Msc. Lit. 132: Amalarius von Metz (um 775-um 850), Liber officialis (Lorsch, 2. Hälfte 10. Jh.)
  • Msc. Med. 1: Medizinisches Kompendium bzw. „Lorscher Arzneibuch“ (Lorsch, um 800)
  • Msc. Patr. 69: Gregor der Große (ca. 540-604), Homiliae in Ezechielem & Epistulae (Mainz, 11. Jh.)

Alle Manuskripte sind in karolingischer Minuskel geschrieben, vier entstanden im Skriptorium von Lorsch: Das „Lorscher Arzneibuch“, geschrieben im „Älteren Lorscher Stil“ (nach Bernhard Bischoff), gehört zu den frühesten Schriftzeugnissen des Reichsklosters und gilt als älteste medizinische Handschrift des deutschen Raumes. Es enthält eine bemerkenswerte Einleitung (foll. 1r-5r), in der ein anonymer Autor die Heilkunst als Gelegenheit, Barmherzigkeit zu üben, rechtfertigt. Unter den einführenden Texten zum Hauptteil mit medizinisch-pharmazeutischen Rezepten findet sich außerdem eine Kurzfassung des hippokratischen Eides (fol. 6r). Der Codex bietet auch einige erläuternde Glossen in althochdeutscher Sprache des frühen 9. Jh., besondere Berühmtheit erlangte er durch die fol. 42v eingetragene Bücherliste Kaiser Ottos III. (996-1002).

Die Origines-Handschrift und das Evangeliar sind im „Jüngeren Lorscher Stil“ geschrieben; letzteres gehört aufgrund der kalligraphischen Ausführung zur Gruppe der Manuskripte, die Bernhard Bischoff als Grundlage zur Bestimmung dieser mit heute noch ca. 100 erhaltenen Handschriften bedeutendsten Schaffensphase des Lorscher Skriptoriums benutzte. In der zweiten Hälfte des 10. Jh., aus dem nur etwa 20 Lorscher Manuskripte überliefert sind, entstand die Abschrift des Liber officialis, eines Handbuchs zur Liturgie von Amalarius von Metz. Nach den paläographischen Studien Hartmut Hoffmanns kam es im 11. Jh. nicht nur zu einem erneuten Aufschwung des Lorscher Skriptoriums, auch ermittelte er mehrere in Lorsch geschulte Schreiber an anderen Skriptorien; so hatte etwa eine Lorscher Hand vermutlich Anteil am Mainzer Codex mit Predigten und Briefen Papst Gregors des Großen.

Das „Lorscher Arzneibuch“ wurde wahrscheinlich von Kaiser Heinrich II. (1002-1024) an das von ihm gegründete Bamberger Bistum geschenkt. Anhand der paläographischen Bestimmung eines Nachtrags (fol. 11r) lässt sich sagen, dass das Evangeliar spätestens Ende des 11. Jh. nach Bamberg gelangte; aufgrund einer unmittelbaren Abschrift aus dem 1. Viertel des 12. Jh. (Bamberg, SB, Msc. Patr. 112) ist zu schließen, dass sich die Origenes-Handschrift zu diesem Zeitpunkt bereits hier befand. Der Mainzer Gregor-Codex gehörte nach einem Besitzvermerk (fol. 1r) wohl spätestens seit dem 14. Jh. zur Bamberger Dombibliothek. Alle fünf Codices wurden 1611 am fränkischen Bischofssitz neu gebunden, die Einbände schützen die 1803 im Zuge der Säkularisation in bayerischen Staatsbesitz gelangten Handschriften noch heute. Außer zu Msc. Patr. 69 finden Sie digitale Reproduktionen auch in der von der Staatsbibliothek Bamberg betriebenen „Kaiser-Heinrich-Bibliothek“.

One Trackback

  1. […] Informationen zu weiteren Bamberger Handschriften aus der ehemaligen Lorscher Bibliothek finden Sie hier. […]

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