Renaissanceeinbände des 16. Jahrhunderts aus der Bibliothek Ottheinrichs von der Pfalz

Im 19. Jh. wurden in der Biblioteca Apostolica Vaticana zahlreiche Codices restauriert, wozu Rechnungen von 1833 bis 1874 erhalten sind. Die Buchbinder ersetzten dabei einige der Einbände komplett. Kostbare Stücke wurden jedoch in den Fondo legature überführt und bis heute aufbewahrt. Hier finden sich auch mindestens 29 Ziereinbände, die der Wittelsbacher Ottheinrich (1502-1559, Pfalzgraf bei Rhein, seit 1522 Landesherr im Herzogtum Pfalz-Neuburg, seit 1556 Kurfürst von der Pfalz) in den 1540er und 1550er Jahren, die Mehrheit in kurfürstlicher Zeit, anfertigen ließ. Mit der Heidelberger Bibliotheca Palatina gelangten sie 1622/23 nach Rom, während der Großteil der Bücher, um Gewicht zu sparen, seinen historischen Einband verlor und in Kisten über die Alpen transportiert wurde.

Unter den im vatikanischen Fondo legature ermittelbaren vier Ottheinrich-Einbänden, die vormals Handschriften aus Bibliothek und Skriptorium von Lorsch schmückten, befindet sich Pal. lat. 239 (Isidor von Sevilla, Chronica maiora; 9. Jh.): Die Holzdeckel wurden mit braunem Leder überzogen. Auf dem Vorderdeckel ist das mit einem Plattenstempel aufgebrachte Wappensupralibros mit Pfälzer Löwen und bayerischen Rauten zu sehen, darüber die abgekürzte Devise MDZ (Mit der Zeit) und darunter das Monogramm OHP (Otto Heinrich Pfalzgraf) sowie die Jahreszahl 1548, alles in Goldprägung. Eine mit Rollenstempel geprägte Rahmung auf Vorder- und Hinterdeckel zeigt den alttestamentlichen König David mit Harfe, den Apostel Paulus mit Buch und Schwert sowie den auferstandenen Christus.

         

Zwei weitere Einbände tragen dasselbe vergoldete Wappen mit Devise und Monogramm und stammen ebenfalls aus dem Jahr 1548: Der ehemalige Einband von Pal. lat. 930 (Wormser und Lorscher Briefsammlung; 11. Jh.) ist auf Vorder- und Hinterdeckel mit der sogenannten Salvatorrolle aus der Buchbinderwerkstatt Ottheinrichs gerahmt und zeigt drei Motive (Sündenfall mit Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis, Kreuzigung und Auferstehung Christi), hier leider stark abgerieben; der Buchrücken wurde 1853/54 noch neu bezogen und präsentiert goldene Wappenstempel von Papst Pius IX. und dem vatikanischen Bibliothekspräfekten Angelo Mai. Der Ottheinrich-Einband, der einst die Handschrift Pal. lat. 1513 (Cicero, De finibus bonorum et malorum; 11. Jh.) zierte, trägt auf beiden Deckeln eine Rahmung mit Köpfen in Medaillons und architektonischen Schlossdarstellungen.

Der vierte Ottheinrich-Einband schützte bis ins 19. Jh. die Handschrift Pal. lat. 1649 (Priscian, Partitiones XII versuum Aeneidos principalium; 9. Jh.), die allerdings nur möglicherweise zur Lorscher Bibliothek gehört hatte: Er trägt die vergoldete Jahreszahl 1556. Auf dem Vorderdeckel befindet sich ein vergoldetes Porträtsupralibros mit Ottheinrich in einem Medaillonrahmen, nun mit den Initialen OHPC (Otto Heinrich Pfalzgraf Churfürst). Auf dem Hinterdeckel sieht man das ebenfalls vergoldete kurpfälzische Wappen mit dem Reichsapfel als Abzeichen für das Hofamt des Erztruchsessen, das dem Kurfürsten von der Pfalz vorbehalten war. Die Rahmen bestehen aus Blumengerank, auf dem Vorderdeckel wurde über dem Bildnis Ottheinrichs ein vergoldeter Engelskopf eingeprägt.

     

Lange musste sich Ottheinrich mit Titel und Würde eines Pfalzgrafen bei Rhein und dem Herzogtum Pfalz-Neuburg begnügen, bis er nach dem Tode Friedrichs II. 1556 die kurfürstlich-pfälzische Herrschaft antreten konnte. Aber schon zuvor demonstrierte Ottheinrich seinen Rang auch mit den Büchern seiner Bibliothek, die er, wie die Einbände nahelegen, spätestens ab dem Jahr 1548 mit Handschriften aus dem Kloster Lorsch vergrößerte. Insgesamt sind mehrere hundert Ottheinrich-Einbände erhalten. In der Universitätsbibliothek Heidelberg werden 92 Exemplare aufbewahrt, z.B. ein besonders prächtiges, wenn auch kein typisches Stück aus dem Jahr 1558 zum Codex Palatinus Germanicus 833. 27 Stücke befinden sich in Ottheinrichs erster Residenzstadt Neuburg a.d. Donau, 26 in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Weitere Ottheinrich-Einbände sind in Mainz und Köln sowie Streubestände auch an anderen Orten zu lokalisieren. Zu letzteren gehört ein fünfter bekannter Ottheinrich-Einband, der (noch immer) eine ehemalige Lorscher Handschrift (Boethius, Institutio arithmetica; 9. Jh.) schützt: Er stammt aus dem Jahr 1548 und liegt heute in der ungarischen Nationalbibliothek in Budapest (Cod. lat. 3).

Nachtrag (28.05.2013): Auch eine Handschrift aus dem vatikanischen Palatina-Fonds, Pal. lat. 573 (Iustinianus, Confessio fidei; 9. Jh.), trägt noch immer einen Ottheinrich-Einband. Dieser stammt aus dem Jahr 1558 und bietet ähnliche goldgeprägte Porträt- bzw. Wappensupralibros wie auch Pal. lat. 1649.

Nachtrag (11.03.2014): Die zweite Lorscher Handschrift (Canticum canticorum cum glossa; um 1200) aus der ungarischen Nationalbibliothek in Budapest (Cod. lat. 51) besitzt ebenfalls noch heute ihren Ottheinrich-Einband: Dieser weist ein Porträtsupralibros mit Beischrift und Jahreszahl 1553 sowie ein Wappensupralibros wie Pal. lat. 239 etc. auf.

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