Erste wissenschaftliche Beschreibungen zu den vatikanischen Handschriften online

Zu einem Viertel der etwa 135 Lorscher Handschriften, die heute in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt werden, sind nun wissenschaftliche Beschreibungen in der „Bibliotheca Laureshamensis – digital“ online einsehbar.
Unter diesen Handschriften finden sich neben anderen bedeutende Textzeugen für alttestamentliche Bücher (Pal. lat. 24), für die lateinischen Übersetzungen vom „Jüdischen Krieg“ des Flavius Josephus (Pal. lat. 170) und der Kirchengeschichte des Eusebius von Cäsarea (Pal. lat. 822), für zahlreiche weitere Werke aus patristischer Zeit, etwa von Augustinus (z.B. Pal. lat. 188), Hieronymus (z.B. Pal. lat. 175) oder Hilarius von Poitiers (Pal. lat. 167) und Orosius (Pal. lat. 829). Weitere wichtige Überlieferungsträger aus dem Kloster Lorsch enthalten die Gotengeschichte des Jordanes (Pal. lat. 920), Werke Isidors von Sevilla (z.B. Pal. lat. 278) oder des Angelsachsen Beda Venerabilis (Pal. lat. 276), Schriften karolingischer Gelehrter wie Theodulf von Orléans (Pal. lat. 278) oder Hrabanus Maurus (Pal. lat. 293) sowie grammatische Texte aus römischer und frühmittelalterlicher Zeit (Pal. lat. 1753).
Manche Handschriften wurden in Lorsch korrigiert (z.B. Pal. lat. 183), nachweisbar über charakteristische Verweiszeichen und durch Schriftvergleiche der Ergänzungen. Vom prächtig illustrierten „Lorscher Evangeliar“ aus der Hofschule Karls des Großen ist auch ein Teil des ursprünglichen Schmuckeinbandes, eine Elfenbeintafel mit einer Darstellung Christi erhalten (Pal. lat. 50). Zahlreiche detailliert ausgearbeitete Initialen in insularem Stil zieren einen um 800 in Lorsch in angelsächsischer Minuskel geschriebenen Codex (Pal. lat. 177), der somit auch als Beispiel für den Herrschaftsbereiche übergreifenden kulturellen Austausch zu damaliger Zeit angesehen werden kann. Eine Handschrift, von der jedoch nicht sicher ist, ob sie sich tatsächlich in der Lorscher Bibliothek befand, bietet altirische und altenglische Glossen (Pal. lat. 68), d.h. Erläuterungen, die helfen sollten, den lateinischen Text zu erschließen. In anderen Handschriften kann man das Althochdeutsche anhand von Glossen studieren (z.B. Pal. lat. 829). Die Kenntnis über den Lorscher Bibliotheksbestand vertiefen erhaltene Kataloge aus dem 9. Jh., wie z.B. ein eher kurz gehaltenes Inventar, das um 850 angelegt wurde (Pal. lat. 57).
Dieser kleine Ausschnitt vermag bereits einen Eindruck zu vermitteln, welche mittel- und unmittelbare Bedeutung das Kloster Lorsch für die Produktion von Büchern und die Überlieferung und Aneignung ihrer Texte hatte und in welchem Ausmaß die Beschäftigung mit Lorscher Handschriften zahlreiche Fachrichtungen befruchten und unser Wissen über vergangene Zeiten mehren kann.

Vorerst sind für die Digitalisate der Handschriften noch Zugriffsbeschränkungen zu beachten. Frei zugänglich sind sie zunächst nur von Rechnern der Biblioteca Apostolica Vaticana und des Kloster Lorsch aus sowie für Angehörige der Universität Heidelberg und Besucher der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Heidelberg.
Die wissenschaftlichen Beschreibungen hingegen sind bereits jetzt auf der Übersichtsseite zu den vatikanischen Handschriften von jedem Standort aus frei einsehbar.

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